„Möge sie in Frieden rosten“


…so schrieb ein Kommentator nicht ganz pietätvoll und politisch etwas unkorrekt vor wenigen Tagen in einem Online-Artikel über die kürzlich verstorbene „eiserne Lady“ Margaret Thatcher.

Mit Thatcher ist sicherlich eine der beeindruckendsten, durchsetzungsstärksten und in ihrer Art auch geradlinigsten Politikerinnen von uns gegangen – allerdings war die ehemalige britische Premierministerin ebenso eine der umstrittensten Figuren der internationalen Politik der letzten 30 Jahre. Umso mehr empfand ich in den letzten Tagen die Berichterstattung zu Thatcher gerade auch in den deutschen Print- und Online-Medien deprimierend einseitig. Eine tiefgehende kritische Auseinandersetzung mit dem Lebenswerk der britischen Politikerin konnte ich kaum finden.

Während sich zum Beispiel die Print-Ausgabe des SPIEGEL scheinbar noch um Ausgewogenheit in der Bewertung der politischen Arbeit Thatchers bemüht, fällt bei spiegel-online eine huldigend-unkritische Berichterstattung auf. So wurde am vergangenen Mittwoch ein „live-stream“ von der Trauerfeier geschaltet und dieser mit boulevardesken Artikeln flankiert.

Boulevardisierung, die befremdlich wirkt // Quelle: www.spiegel.de

Boulevardisierung, die befremdlich wirkt // Quelle: http://www.spiegel.de

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An dieser Stelle möchte ich einen Kommentar zitieren, den ein kritischer spiegel-online-Leser in deren Forum verfasst hat:

„Für keinen Premierminister seit urdenklichen Zeiten wurde bei seinem Begräbnis ein solches Gedöns gemacht, außer im Fall von Winston Churchill. Weder bei Wilson (gest. 1995), Macmillan (1986) oder erst recht Eden (1977) ist etwas vergleichbares bekannt. Es ist ein Witz.

Darüber, wie die heutigen Zeitgenossen die jüngere Geschichte sehen, kann man nur den Kopf schütteln. In der „Zeit“ war allen Ernstes zu lesen, Margaret Thatcher habe „dem Westen“ sein Selbstvertrauen zurückgegeben, und der Falklandkrieg sei eine Vorstufe zum Mauerfall gewesen. Als Reagan von neun Jahren starb, erhielt er ein Heldenbegräbnis, als ob er Alexander der Große gewesen wäre.

Ich geh‘ mal davon aus, daß heute auch Schulkinder mit derartigem Unsinn gefüttert werden. Und der heruntergekommene Zustand des heutigen England wird nicht Thatcher, sondern ausgerechnet Blair angelastet, dessen „New Labour“ den Neoliberalismus erst richtig auf Trab gebracht hatte. Aber nein, Blair gilt als „Sozialist“. Eine so große Verbreitung einer derart schrägen Weltsicht hat es seit dem Stalinismus und der Nazizeit nicht mehr gegeben, und diesmal ist sie nicht aufgezwungen wie damals sondern wird freiwillig geglaubt. Ist es Gleichgültigkeit oder Dummheit? Ich hoffe, ersteres.“

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Aus Demonstranten werden "Störer": Bewußte  Meinungsmache? // Quelle: www.spiegel.de

Aus Demonstranten werden „Störer“: Bewußte Meinungsmache? // Quelle: http://www.spiegel.de

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Die schweizer „Wochenzeitung WOZ“ schreibt über Thatcher:

„Keine andere politische Figur Europas hat in den letzten Jahrzehnten das Denken weit über das eigene Land hinaus so geprägt wie Margaret Thatcher. Und so viel Verheerendes angerichtet.

Sie behielt ihr Ziel stets im Auge und zeigte sich zuweilen pragmatisch. Sie war entschlossen und hatte gleichwohl manchmal Mitgefühl. Sie verfolgte strikt eine Mission und legte trotzdem eine überraschende Flexibilität an den Tag. Es gibt durchaus Positives zu sagen über die erste Premierministerin des Vereinigten Königreichs, die am Montag einem Schlaganfall erlag. Aber nicht viel.

Denn Margaret Thatcher hat vor allem zerstört und das Neue, das sie schuf, ausschliesslich den Reichen und Mächtigen zukommen lassen. Sie hat das Sozialgefüge Britanniens demontiert, die Wirtschaft deindustrialisiert, Kriege vom Zaun gebrochen, die Demokratie ausgehöhlt, Millionen ins Elend gesetzt, ganze Landstriche entvölkert, sich mit den falschen Leuten verbündet (der chilenische Diktator Augusto Pinochet war für sie «ein guter Freund», Nelson Mandela hingegen «ein Terrorist»), den Londoner Finanzplatz dereguliert (die Folgen sind angesichts von Offshore-Leaks gerade wieder zu besichtigen), die Eliten verhätschelt, einen permanenten Klassenkrieg von oben geführt – und all jene kollektiven Organisationen zerstört, die ihr im Weg standen.“

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Ein Kommentator schrieb zur Opulenz der Trauerfeier: "Ein Glück, dass Großbritannien Staatbegräbnisse noch nicht privatisiert hat..." // Quelle: www.welt.de

Ein Kommentator schrieb zur Opulenz der Trauerfeier: „Ein Glück, dass Großbritannien Staatbegräbnisse noch nicht privatisiert hat…“ // Quelle: http://www.welt.de

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Fortsetzung Zitat „WOZ“: „Und sie hat polarisiert, bis über ihren Tod hinaus. Während die politische Klasse ihr Hinscheiden bedauerte, kam es in zahlreichen Städten – von Bristol bis Glasgow, von London bis Derry in Nordirland – zu spontanen Freudenbekundungen. Vergleichbares war seit dem Sturz osteuropäischer Potentaten nicht mehr zu beobachten. «Die Eiserne Lady ist weg», jubelte einer auf dem Netz, «möge sie in Frieden rosten.» Und das war noch recht freundlich formuliert.“ (>>Lesen Sie hier die Fortsetzung des Artikels)

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Der Zustand, in dem Thatcher und die ihr nachfolgenden Regierungen Großbritannien hinterlassen haben, gibt Stoff für heftigste Diskussionen. Der Börsenkommentator Max Keiser verweist pointiert auf einen Aspekt der Thatcher-Ära, der seltenst in der Öffentlichkeit behandelt wird:

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2 Gedanken zu “„Möge sie in Frieden rosten“

  1. „…so schrieb ein Kommentator nicht ganz pietätvoll und schon gar nicht politisch korrekt …“ Angriffe auf alles rechts der politischen Mitte IST politisch korrekt.
    Tony Blair, Bill Clinton und unser Schroeder waren bestimmt nicht „neoliberal“, sondern liberal. Aber mit zu wenig Prinzipienlosigkeit um sich an der Macht zu halten. Diese „Etiketten“ sind meistens wertlos. Es kommt auf die Ethik und Verlaesslichkeit an. Alle 3 hatten keines von beiden.
    MFG

  2. in dem youtube-clip wird endlich mal angesprochen wie töricht es von der thatcher administration war den ölsektor zu privatisieren. dadurch entgingen großbritannien bis heute hunderte von milliarden pfund!!

    wie man es dagegen richtig macht zeigt norwegen, das von neolberalen gerne als eldorado des sozialismus verunglimpft wird

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