#PrayforBelgium


Einer der Hauptverdächtigen der Anschläge von Paris, und vermutlich nicht nur er, stammt aus Belgien. Daher schlage ich vor, Belgien mit gezielten Luftschlägen präventiv zu bombardieren und danach mit Bodentruppen zu besetzen. Angrenzenden Ländern, die sich bei der Verbrechersuche zu wenig kooperativ zeigen, ist ähnliches anzudrohen.

Klingt jetzt für den ein oder anderen linksversifften Gutmenschen vielleicht etwas wahnsinnig, ist aber das gleiche Maßnahmenbündel, das die Bush-Administration als Reaktion auf die Ereignisse vom 11.9.2001 gegen Afghanistan initiierte. Damals waren sämtliche NATO-Staaten mit dabei, an vorderster Front Frankreich und auch Deutschland, welches bestrebt war „am Hindukusch“ seine „Sicherheit“ zu „verteidigen“.

Seinerzeit hielten wir Herrn Struck noch für einen mäßig intelligenten, aber im Großen und Ganzen recht vertrauenswürdigen Riesenschnäuzer. Heute erhalten wir einen Eindruck, wie es ist, wenn am Abend mal nicht „Tatort“ kommt, sondern Krieg.

Was mit dem Afghanistan-Einsatz wirklich gemeint war, erklärte uns übrigens einige Jahre später der ehemalige Oberbefehlshaber der NATO-Truppen im Kosovo, Wesley Clark:

 

Doch weg von den wilden Verschwörungstheorien eines „unglaubwürdigen Durchgeknallten“ und zurück zu weiteren geschichtlichen Fakten:

Beim Irak-Krieg 2003 weigerten sich Frankreich und Deutschland zunächst, „against terror and weapons of mass destruction“ mitzuspielen, wobei das bei Deutschland immer recht schwierig ist, denn wenn man mehrere US-Militärbasen im eigenen Land hat und die Drohnen-Lenk-Zentrale in Rammstein obendrauf, dann ist man halt immer irgendwie dabei – auch, wenn der eigene Bundeskanzler seinerzeit im Wahlkampf gegen die Oppositionsführerin von der FDJ kräftig das Lied von der „deutschen Zurückhaltung“ gröhlte.

(Ab 7:35 erklärt uns die, später von der Mehrheit der Wähler zur Bundeskanzlerin erwählte, die Bergpredigt – frei nach Kriegspastor Bischof Huber, der damals offenbar gerade für das Amt des Bundespräsidenten trainiert hat:

 

Frankreich hat seine „Zurückhaltung“ im Irak inzwischen aufgegeben, lässt seine Konzerne ein Ölgeschäft nach dem anderen abschließen, beliefert fleißig Kriegsparteien mit Waffen und fliegt gerne hin und wieder einen Lufteinsatz.

Was unser Partner im Westen aber wirklich militärisch drauf hat, das konnte er 2011 in Libyen demonstrieren, wo der „blutrünstige Diktator“, dessen Staatsfonds sich noch im Jahre 2009 an der Unicredit Bank beteiligt hatte, gestürzt wurde und das Land seitdem vor lauter Demokratisierung und Frauenrechten kaum noch aus dem Feiern raus kommt.

Wenig zu feiern hat freilich Diktator Assad in Syrien: Hatte er doch seinem Bündnispartner Rußland die Zusage gegeben, dass definitiv keine Pipeline durch sein Land gebaut werden wird, die vom Golf bis in die Türkei verlaufen soll. Eine solche Pipeline hatten zuvor Katar und Saudi-Arabien vorgeschlagen, damit sie in die Lage versetzt werden, Rußland auf dem wichtigen europäischen Gas-Markt massive Konkurrenz machen zu können.

Der teil der Pipeline, der grün ist und durch Syrien fließt, ist nicht im Interesse Russlands und wird unter Präsident Assad mit Sicherheit nicht gebaut werden. // Quelle: Zero Hedge

Der Teil der Pipeline, der grün ist und durch Syrien fließt, ist nicht im Interesse Rußlands und wird unter Präsident Assad mit Sicherheit nicht gebaut werden. // Quelle: Zero Hedge

 

Jetzt darf Herr Assad (nicht nur deswegen) zur Strafe im Bunker hocken und rätseln, welche der diversen Terrorgruppen (bzw. Rebellen, die für Demokratie und Frauenrechte kämpfen) gerade von der Türkei, von Saudi-Arabien, von Katar oder von den USA unterstützt werden.

Wobei, man muß auch fair bleiben: Von den USA unterstützte Rebellen gab es bis vor Kurzem nur in den Köpfen wirrer Verschwörungstheoretiker im Netz. Realität im Fernseher wurden diese Personen erst, als der blutrünstige Diktator aus Moskau höchstpersönlich begonnen hatte, sie von der Luft aus umzubringen. Jetzt dürfen wir freilich überlegen, wo die größeren Verschwörungstheoretiker sitzen: im Internetz oder bei CNN…

Der von den USA und einem Großteil der westlichen Welt vor 15 Jahren begonnene Krieg für Frieden und gegen Terrorismus hat nach unterschiedlichen Schätzungen bislang zwischen 800.000 und mehr als eine Million Abgeschlachtete gefordert. Und er hat zu sensationellen Exporterfolgen der deutschen und französischen Rüstungsindustrie geführt.

Zudem hat unser Krieg auch erfolgreich bewirkt, Ölpipelines zu sichern und Öltransportwege für uns frei zu halten – wobei die blöden Jemeniten mit ihrem sinnlosen „Regime Change“ direkt am Nadelöhr zum Suez-Kanal wieder völlig unnötig ein Faß aufgemacht haben!

Der Jemenit scheint leider etwas denkfaul zu sein, was geostrategische Zusammenhänge und Rohstoffsicherheit angeht.

Wozu haben die westlichen Angriffskriege noch geführt? Nun, zum Beispiel dazu, dass frühere Soldaten Saddam Husseins zunächst zur „Freien Syrischen Armee“ und danach zum IS gewechselt sind. Oder auch dazu, dass in Syrien, Libyen und im Irak eine große, kaum bezifferbare Zahl von Söldnern herumlaufen, die für diejenige Partei abwechselnd abmetzelnd tätig werden, die gerade am besten zahlt. Der IS zahlt angeblich bisweilen in Gold, was für den ein oder anderen Sachwert-Fan durchaus ein Argument sein dürfte.

Nun sitzen wir hier im Westen in der Vorweihnachtszeit (die ersten Lebkuchen von Ende August sind bereits leicht angeschimmelt) und warten auf: Sicherheit. Und Frieden. Vermutlich warten wir auch darauf, dass Menschen, die Eltern, Kinder, Gliedmaßen, Häuser, Ersparnisse, Freunde und Heimat verloren haben, jetzt mit mehr Respekt und Wohlwollen zu uns herauf blicken.

Doch entsetzt müssen wir feststellen, dass „denen da drüben“ in ihrer völligen Verzweiflung, in ihrer kompletten Desorientierung, angesichts völliger Zerstörung und unvorstellbaren Leides die gleiche üble Scheiße erzählt wird, wie uns: nämlich, dass es hier um einen „Religionskrieg“, also um die Frage gehe, welchen „alleinigen Gott“ man doch bitte anzubeten habe.

Vorteil Westen: Wir müssen nicht erst in die Moschee rennen, um  aufgehetzt zu werden // Quelle: die-welt-im-spiegel.de

 

Nun ist es vermutlich weniger eine Frage von Mitgefühl, als vielmehr eine der Logik, wie denn nun „unsere“ Reaktion auf die Terroranschläge von Paris aussehen muß. In meinem gesamten Umfeld finde ich niemanden mehr, der meint, wir könnten genauso „erfolgreich“ weiter verfahren, wie wir es die letzten 15 Jahre getan haben.

Mit wenig Überraschung stelle ich jedoch fest, dass die alten NATO-“Experten“ gerade mal wieder zur Höchstform auflaufen:

Ich denke ja eher, wir sind dazu verdammt unser Abonemment zu kündigen - aber darüber kann man ja streiten. // Quelle: welt.de

Ich denke ja eher, wir sind dazu verdammt unser Abonemment zu kündigen… // Quelle: welt.de

 

Es sieht so aus, als gäbe es zwei Fraktionen in unserer Gesellschaft: die Einen, die sehr genau wissen, was sie wollen (z.B. Geostrategen, Rüstungsindustrie), die sich auch sehr bewußt sind, was sie machen. Und auf der anderen Seite die Mehrzahl derer, die fast gar nichts mehr kapieren. Die die Vergangenheit nur sporadisch kennen, sie schon gar nicht deuten können, die Zusammenhänge nicht erkennen, die Vielzahl von Informationen nicht verarbeiten und Handlungen kaum beurteilen können (nennen wir sie: die Verwirrten).

Ich gehöre eher zur zweiten Gruppe. Bemerkt habe ich dies einmal mehr Vorgestern: Als im Netz der Aufruf kam #PrayforParis, da habe ich mich hingesetzt und habe geprayed for Paris. Denn ich gehöre zwar keiner Religion an, aber ich fühle verdammt nochmal mit, mit den Opfern der widerlichen Anschläge und deren Angehörigen!

Wenige Stunden später stolperte ich im Netz über folgende „Karikatur“ des französischen „Satire“-Magazins Charlie Hebdo:

"Die Gefahren russischer Billigflieger. Wären wir doch besser mit Air Kokain geflogen."

„Die Gefahren russischer Billigflieger. Wären wir doch besser mit Air Kokain geflogen.“

 

Da habe ich kurz überlegt: Wie habe ich mich bei vergleichbaren Ereignissen, wie den Terroranschlägen in Paris verhalten?

#PrayforRussia

#‎PrayForAnkara
#‎PrayForDonbass
#PrayforBeirut
#‎PrayForGazza
#‎PrayForJerusalem
‪#‎PrayForIrak‬
‪#‎PrayForAfghanistan‬
‪#‎PrayForSyria‬

…?

 

Kriegsereignisse, das können wir bestens bei Victor Klemperer nachlesen, haben mental unter anderem die fürchterliche Folge, dass sie zu schablonenhaftem, zu einfach-Denken, zu zugespitztem schwarz-weiß-Denken geradezu zwangsläufig führen.

 

Hüten wir uns davor!

 

 

5 Gedanken zu “#PrayforBelgium

  1. Lieber Wowa, vielen Dank von einem wie Du manchmal verwirrten Zeitgenossen. Danke für Dein inhaltsreiches und dadurch erfolgreiches Informationsbündel. Erfolgreich, weil es den Wunsch weckt, durchzusehen und Hintergründe zu erkennen, nicht zu vergessen und das dann weiterzugeben.
    Peter König

  2. Ihr messerscharfer Verstand hat es mal wieder durchblickt, Herr Meyer! Vermutlich, so schreiben Sie, stammt nicht nur der Hauptverdächtige der Pariser Anschläge aus Belgien. Ihre Vermutung kann nach ausgiebiger Internetrecherche bestätigt werden: Insgesamt, so Schätzungen, stammen sogar rund 11 Mio. Menschen aus Belgien. Auch folgende berühmte Menschen, und vermutlich nicht nur diese, stammen aus Belgien: die Hl. Gudula von Brüssel, der Architekt Victor Horta oder der Martial-Artist Jean-Claude Van Damme …

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