Klartext zu Griechenland, Spanien, Italien, GB und USA


1.)

Es ist das Normalste von der Welt, daß Schulden, sobald die daraus entstehenden Zinslasten zu hoch geworden sind, teilweise oder vollständig nicht mehr zurückgezahlt werden. Den gesamten Vorgang nennt man „Insolvenz“ und selbstverständlich gibt es solches nicht nur im privaten, sondern seit Menschengedenken auch im staatlichen Bereich – besser bekannt als Staatsbankrott. Das Risiko des Zahlungsausfalles wird dem Gläubiger vergütet, nämlich durch den Zins.

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2.)

Eine solche Staatsinsolvenz würde Griechenland genausogut helfen, wie sie z.B. 1998 Rußland und 2001 Argentinien geholfen hat. Wir hatten alleine in den letzten 14 Jahren weltweit 24 Staatsbankrotte; es handelt sich hierbei um keinen Weltuntergang, sondern um pure Routine im Verhältnis „Schuldner – Gläubiger“. Durch die Einbindung in die Euro-Zone ist jedoch die griechische Regierung nicht vollständig souverän und kann daher den völlig logischen und hilfreichen Zahlungsausfall nicht offiziell erklären.

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3.)

Der Schuldenschnitt, den Griechenland kürzlich vollzogen hat, ist eine bei Weitem nicht ausreichende Farce: Die „50%-Quote“ galt lediglich für einen kleinen Teil der griechischen Staatsschulden. Ich habe dies detailliert Ende letzten Jahres in einem Artikel beschrieben: >>Euro-”Rettung”: Volksverdummung mit Gänsehaut-Feeling

Auch habe ich dort beschrieben, weshalb der Schuldenschnitt völlig untypisch „freiwillig“ erfolgen mußte: Dies war offenbar nötig, um die auf die Schulden abgeschlossenen Kreditausfallversicherungen (CDS), die von amerikanischen Banken ausgegeben wurden, nicht in die Haftung zu bringen.

Die Frage, wer hier warum wessen Interessen vertritt, wäre es wert recherchiert zu werden. Statt dessen schwadroniert eine ganze Horde „Journalisten“ und Talkshow-Nomaden seit mehr als zwei Jahren unablässig über „das süße Leben der Griechen“, die ja angeblich alle von „Luxusrenten“ leben und schon morgens zum Frühstück die Euros bündelweise mit Ketchup verspeisen…  Warum hier nicht auf die wirklichen Hintergründe verwiesen wird und man sich statt dessen mit dumpfen Aufhetzungstiraden beschäftigt…? – Wissen Sie vielleicht darauf eine Antwort, verehrte Leserinnen und Leser?

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4.)

Die sogenannten „Sparpakete“ und Austeritätsprogramme sind in ihrer Singularität nichts anderes, als der ideologische Ausfluß monetaristisch einseitig „gebildeter“ sogenannter Wirtschaftsfachleute. Diese Ideologie ist im Wesentlichen die Fortsetzung des  höchst schädlichen neoliberalen Kurses der letzten 30 Jahre. Damals leitete Milton Friedman als Berater von Ronald Reagan in den USA eine marktradikale Bewegung ein, die heute unter dem Begriff „Neo-Liberalismus“ in aller Munde ist.

Die Leitlinien des sogenannten >>„Washington Consensus wurden festgeschrieben von der Weltbank, der US-Administration, der US-Zentralbank FED und dem IWF sowie den neoliberalen Think-Tanks und ebensolchen Lobbyisten. Seit damals werden uns die ´alles selig machenden´ Mantras vorgebetet:

Ausgabensenkung, Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung, schlanker Staat, Steuern runter und der Heilige Gral “Privateigentum“.

Die Interpretation dieser Ideologie gipfelt in der schwachsinnigen Analogie, man könne einen Staat so führen, wie eine schwäbische Hausfrau ihre Familie führt: Spart ein Familienvorstand Ausgaben ein, so hat die Familie am Ende des Monats mehr Geld in der Tasche. Spart ein Staat kräftig Ausgaben ein, so führt dies sofort zu a) weniger Nachfrage und damit geringerem BIP,  b) höherer Arbeitslosigkeit und somit c) zu wegbrechenden Steuereinnahmen. Das heißt, der Staat hat am Ende des Jahres durch seine Sparmaßnahmen nicht mehr Geld in der Tasche, sondern sogar weniger Geld zur Verfügung!

Dies ist simples 1 x 1. Ein „Experte“, der sich jetzt ernsthaft wundert, weshalb in Griechenland, Spanien und Italien die Volkswirtschaften kontrahieren und die Arbeitslosigkeit teilweise drastisch steigt, der hat schlicht zu wenig Ahnung von Makroökonomie.

Der Washington Consensus ist genau jenes neoliberale Konzept für Volkswirtschaften, das in vielen Entwicklungsländern eine wirtschaftliche Abwärtsspirale in Gang setzte und sie – über die Kredite des IWF und der Weltbank – in die totale Abhängigkeit der „Geldgeber“ führte. Genau diese Rezepte wendet man auf die südeuropäischen Staaten an – mit den längst vorauszusehenden, verheerenden Konsequenzen.

Verstehen kann man diese Vorgehensweisen nur, wenn man sich immer wieder konsequent die frage stellt: „Cui bono? – Wem nutzt es?“…

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5.)

Nicht nur, daß die überhasteten, viel zu drastischen Sparmaßnahmen Länder wie Griechenland und Spanien strangulieren: Sie zeigen bereits auch erste Bremsspuren beim Scheinriesen Deutschland! Die Bundesrepublik verfügt über einen vitalen Mittelstand und einen gesunden industriellen Sektor. Aber sie leidet unter ihrer extremen Abhängigkeit vom Export!  An dieser fulminanten Schwäche wurde in den letzten Jahren nicht mal ansatzweise gearbeitet und so wird unser Land, das von manchen  „Analysten“ so hoch geschrieben wurde, als könne es vor Kraft kaum noch laufen, bei der nächsten weltwirtschaftlichen Rezession wohl so drastisch an Wirtschaftskraft verlieren, wie wir es Anfang 2009 erlebt hatten: Damals zeigten sich diejenigen europäischen Länder deutlich stabiler als Deutschland, die über eine vitale Binnenwirtschaft verfügten.

Nachdem rund 50% unserer Exporte in EU-Länder gehen und die meisten dieser Länder extrem und weitgehend planlos sparen, wird dies selbstverständlich zu einem Nachfrageeinbruch führen, der die deutsche Exportindustrie spürbar in Mitleidenschaft ziehen wird. Einen ersten Eindruck darauf geben aktuell deutlich rückläufige KFZ-Neuzulassungszahlen in den Euro-Ländern – was Unternehmen wie z.B. Opel bereits heute negativ tangiert:

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6.)

Neuer Kandidat für Angriffe sogenannter „Experten“ scheint nunmehr Italien zu werden. Wie nach Drehbuch beginnen sich wichtige Leitmedien auf das Land einzuschießen:

Quelle: http://www.spiegel.de / 13.6.2012

Die Tatsache, daß die italienische Volkswirtschaft aufgrund der dort beschlossenen Sparmaßnahmen kontrahieren wird, kann niemanden wirklich überraschen: Im ersten Quartal ergab sich ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um -0,8% im Quartalsvergleich und um -1,4% im Jahresvergleich. Diese Zahlen sind nicht neu und waren so erwartet worden, sie werden aber offenbar gerade jetzt genutzt, um ein weiteres Land der Eurozone bewußt runterschreiben zu können.

Hier mal zu den Fakten:

  • Im Gegensatz z.B. zu Großbritannien glänzt Italien mit einem starken industriellen Sektor.
  • Das Land hat in den letzten 10 Jahren eine der geringsten Neuverschuldungsdynamiken weltweit gehabt.
  • Der Privatsektor in Italien weist extrem niedrige Verschuldungswerte auf, die privaten Ersparnisse sind überdurchschnittlich hoch.

Die italienische Neuverschuldung wird in diesem Jahr voraussichtlich nur 1,7% betragen (zum Vergleich: Deutschland voraussichtlich 1,3%) und liegt damit weit unter den Maastricht-Kriterien von 3%.

Zum Vergleich liegt die Neuverschuldung in den USA hochgerechnet in diesem Fiskaljahr voraussichtlich bei 9,5% (!), in Großbritannien bei ca. rund 8%! Es ist schon interessant, wie „die Märkte“ offensichtlich mit zweierlei Maß messen und das, obwohl sie doch angeblich immer Recht und die Weisheit geradezu gepachtet haben…

Ein Blick auf die Verschuldung der einzelnen Wirtschaftssubjekte zeigt insbesondere die desaströse Lage Großbritanniens: In dem Land mit der geringsten Regulierung des Finanzbereiches hat sich geradezu ein Schulden-Monstrum in diesem Sektor gebildet:

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Wann kümmert sich darum endlich mal eine Rating-Agentur?

Merke: In jedem Krieg dominiert Propaganda und der üngetrübte Blick für die Realität geht verloren. Das gilt auch im Währungskrieg.

Denken Sie mal darüber nach!

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8 Gedanken zu “Klartext zu Griechenland, Spanien, Italien, GB und USA

  1. Es ist jedesmal eine Erleichterung und ein Vergnügen Ihre Vorträge zu hören und Ihre Artikel zu lesen die vor sprichwörtlichem Klartext nur so strotzen.

    Bitte mehr davon!

    Mit vorzüglichem Gruß

    Ernst Karmann

    • Hallo Herr Dr. Karmann,

      vielen lieben Dank für Ihren positiven Zuspruch.

      Leider kann ich Sie spontan keinem bestimmten Ort zuordnen. Kennen wir uns eventuell von einer Vortragsveranstaltung?

      Herzliche Grüße!
      Waldemar Meyer

      p.s.: Wenn Sie möchten können Sie mir auch gerne direkt schreiben an waldemar.meyer@yahoo.de

  2. Fraglich, ob es bei den 1,7% Staatsdefizit für Italien bleiben kann, wenn jetzt die Zinsen nach oben schnellen! Wahrscheinlich bald reines Wunschdenken.

  3. Wenn ein Staatsbankrott angeblich ja so selbstverständlich und normal ist wie Sie schreiben dann heißt das ja wohl kaum daß jedesmal die Schuldner einen Teil ihres Geldes nicht mehr sehen!!???

  4. Es ist unglaublich wie lange sogenannte EXPERTEN den Unsinn vom WACHSTUM DURCH SPAREN gepredigt und offenbar auch selber geglaubt haben.

    Jetzt stehen wir vor dem Scherbenhaufen dieser ideologisch verbrämten Glaubenssätze.Allerdings fehlt die ALTERNATIVE! Es ist kaum zu fassen: Selbst nach mehr als 100 Jahren moderner Volkswirtschaftslehre sehen wir keine Alternativen zu Keynesianismus auf der einen und Friedmanismus auf der anderen Seite.

    ZUM VERZWEIFELN!!!

    I. März

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