Good cop, bad cop


Vor unseren Augen spielt sich derzeit ein interessantes Schauspiel ab: eine Kanzlerin, die im Laufe ihrer Karriere bislang noch jeden Waffeneinsatz der USA unterstützt hat, die sich daher zum Ausbruch des Irak-Krieges 2003 redlich den Spitznamen „Bush-Zäpfchen“ (Urban Priol) verdient hatte – genau Jene wird in diesen Tagen zur „Schafferin des Friedens“ hoch geschrieben.

Erschoepfte Kanzlerin

Opferzahlen, die uns in den letzten zwei Monaten nahezu gleichgültig waren, finden wir auf einmal als große „Highlight“-Meldung wieder:

50 000 Tote Ukraine

Quelle: BILD.de vom 08.02.2015

Gleichzeitig erfahren wir, dass es zu einem gewaltigen Riss in den Beziehungen zwischen USA und EU gekommen sei.

Ukraine entzweit USA und Europa

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Die These, dass es zwischen der EU und ihrer Hegemonialmacht in letzter Zeit wachsende Uneinigkeit gäbe, fand ich bislang plausibel. Nach meinem Eindruck war zum Beispiel das Auftreten François Hollandes in den letzten Monaten >erstaunlich selbstbewusst und damit nicht ungefährlich.

Heute bin ich jedoch stutzig geworden: Die BILD veröffentlichte nämlich einen Artikel, in dem sie vorgab, Äußerungen der US-Delegation hinter „schallgedämpften Türen“ bei der Münchner Sicherheitskonferenz erfahren zu haben…

Diese Zitate sind keinesfalls schmeichelhaft gegenüber Europa, sondern

  • sie stützen die These vom Zwist zwischen EU und USA und
  • sie unterstreichen das Bild von der „aggressiven Großmacht Nordamerika“

Nun weiß der aufgeklärte Bürger, dass dem Hause Springer die „Bewahrung und Entwicklung der  transatlantischen Beziehungen“ ein ernsthaft verfolgtes Herzensanliegen ist. Daher scheint es extrem unwahrscheinlich, dass die BILD urplötzlich investigativ aus einem „schallgedämpften Raum“ berichtend, gegen den Willen der USA Stimmung gegen diese macht.

Nein, wenn Welt, BILD und Spiegel uns gleichlautend die gleiche Geschichte erzählen (Kanzlerin kämpft um den Frieden, wahnsinnig viele Opfer durch Separatisten, EU und USA streiten…), dann ist allerhöchste Skepsis angebracht.

Insofern gibt es aus meiner Sicht zwei mögliche Interpretationen:

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Szenario 1

Die Kanzlerin und Hollande sind tatsächlich auf Alarmstufe „rot“ und versuchen mit aller Macht zu verhindern, dass sich die USA noch stärker im Ukraine-Konflikt engagieren. Sie haben Angst, dass Rußland sich zusätzlich bedroht fühlen könnte, wenn Nordamerika nunmehr hochoffiziell Waffen in die Ukraine liefert. Die Regierungen der BRD und Frankreichs stellen sich offensiv gegen das Ansinnen der USA. Merkel zeigt (zum ersten Mal?), dass sie eine einmal eingenommene Position nicht wieder verlässt.

Sollte diese Lagebeschreibung annähernd zutreffen, dann wird es interessant zu erleben, was in den kommenden Tagen geschieht:

  • Wie wird sich die deutsche Presse gegenüber Merkel aufstellen (zumindest die Teile der Medien, denen das „transatlantische Bündnis“ so wichtig ist)?
  • Was werden wir von Ratingagenturen im Bezug auf Frankreich und auch im Bezug auf europäische Großbanken hören (Sie meinen, es gäbe da keinen Zusammenhang? – Träumen Sie weiter!)
  • Welche Kriegsgräueltaten von Seiten der ukrainischen „Separatisten“ wird man uns medial servieren?
  • Was wird geschehen, um die Kriegslust innerhalb der europäischen Bevölkerungen anzuheizen?

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Szenario 2

Die Waffenlieferungen sind längst zwischen den USA und der EU beschlossene Sache. Niemand befürchtet ernsthaft, dass Rußland auf diese Eskalation mit kriegerischen Gegenmaßnahmen reagieren würde (würde übrigens auch nicht passen: Rußland betont unaufhörlich, dass es sich im ukrainischen Bürgerkrieg nicht als Konfliktpartei sieht). Merkel und Hollande ahnen aber, dass ihre Bevölkerungen diese neuerliche Konflikt-Eskalation nicht mehr einfach mitgehen würden.

Daher nimmt man sich jetzt ein paar Tage Zeit, um ein Schauspiel aufzuführen, das aus 08/15-Krimis hinlänglich bekannt ist und das da lautet >„Good cop, bad cop:

Die US-Amerikaner spielen die „Bösen“, die Aggressiven, die Kriegslüsternen. Deutschland und Frankreich stellen sich „wacker“ gegen die Eskalationswünsche Ihres transatlantischen Partners, müssen jedoch „nach mehreren Anläufen“ „erschöpft“ nachgeben… (anders ausgedrückt: Merkel bleibt sich treu, indem sie einmal mehr eine „unverrückbare Position“ „pragmatisch neu denkt“)

In diesem Fall stellte sich die Frage, was denn wohl in den kommenden Wochen zu diesem „überraschenden“ Stimmungsumschwung führen wird…

  • Es muss auf jeden Fall etwas sein, was der Mehrheit der deutschen und der französischen Bevölkerungen plausibel genug erscheint, um vom „Anti-Waffenlieferungskurs“ abzurücken.
  • Oder es könnte etwas sein, was vielen Menschen die Angst vor der russischen Reaktion nimmt.

Verehrte Leserinnen und Leser, Sie ahnen wahrscheinlich schon, zu welchem der beiden Szenarien ich persönlich tendiere. Und Sie gehen hoffentlich fest davon aus, dass es neben zwei Möglichkeiten, sich die nähere Zukunft zu erklären, sicherlich noch Dutzende andere Optionen gibt. Also: „feel free“ frei zu denken. Machen Sie sich auf die aktuellen Ereignisse Ihren eigenen Reim!

Benötigen Sie noch eine Orientierungshilfe?

 

Was sagt eigentlich US-Mastermind Zbigniew Brezinski zum weiteren Umgang mit russischen Interessen? Brzezinski gilt neben Henry Kissinger als der führende Stratege US-amerikanischer Außenpolitik im 20. Jahrhundert. In seinem 1997 erschienenen Buch „Amerika – die einzige Weltmacht“ skizziert er, wie die USA die Vormachtstellung im „eurasischen Raum“ erreichen könnten. Brezinski spricht wörtlich von einer „Politik der Schwächung“ gegenüber Rußland, um es langfristig im Inneren zu destabilisieren.

An einer Stelle schlägt Brzezinski sogar eine Spaltung Rußlands in drei oder vier Teile vor: »Einem locker konföderierten Rußland – bestehend aus einem europäischen Rußland, einer sibirischen Republik und einer fernöstlichen Republik – fiele es auch leichter, engere Wirtschaftsbeziehungen mit Europa, den neuen Staaten Zentralasiens und dem Osten zu pflegen« (S. 288 f.). Die unverhohlene Arroganz, mit der sich Brzezinski 1997 über Rußland äußerte, zeigt, daß er dem ehemaligen Gegner im Kalten Krieg allenfalls die Rolle einer Kolonie bzw. eines Dritte-Welt-Landes zuordnet.

An keiner Stelle jedoch fabuliert Brezinski über einen Krieg mit Rußland! Denn der einflußreiche Geostratege ist offensichtlich kein verblendeter >„Neocon“, sondern vielmehr eiskalter Analytiker.

Auch die Strategen in der russischen Administration werden ihren „Brezinski“ gelesen haben. Und sie wissen ganz genau, dass sie militärisch gegen USA/EU keine Chance haben (man vergleiche einfach nur die Rüstungsausgaben Rußlands mit denen der EU und danach mit denen der USA…).

 

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Brezinski weiter gedacht, wird es wohl in Kürze Waffenlieferungen der USA in die Ukraine geben. Aber immer nur in einem so begrenzten Ausmaß, dass die ukrainische Armee sich gegenüber ihrer eigenen Bevölkerung nicht vollends geschlagen geben muß – nicht mehr und nicht weniger. Der ukrainische Bürgerkrieg wird sich damit deutlich in die Länge ziehen.

Und die vielen Opfer?

Nun, die werden wir in wenigen Tagen genauso wieder vergessen haben, wie heute die Teilnehmer am letzten RTL Dschungelcamp. BILD wird uns schon dabei helfen…

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2 Gedanken zu “Good cop, bad cop

  1. Herr Meier es ist schön wie Sie immer wieder klare Worte finden! Viele Menschen treiben die Themen um die Sie in ihrem Blog behandeln. Doch nur wenige Menschen können die Dinge so pointiert vorbringen.

    Danke!!

    SF

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