Ich will mich nicht gewöhnen!


Ich will mich nicht gewöhnen, dass Deutschland Teil einer Kriegsmaschinerie ist. Ich will mich nicht gewöhnen, wenn der SPIEGEL schreibt, das Deutschland endlich in der Normalität angekommen ist, wenn es sich an internationalen Kriegseinsätzen beteiligt.

Die Beteiligung an Kriegen darf nie Realität werden.

Ich kann es nicht glauben, dass Verteidigungsministerin von der Leyen, auf die Frage eines Journalisten, ob denn eine Fußball-WM 2018 in Russland tatsächlich denkbar wäre antwortet: „Deutschland wird auf jeden Fall schießendes Personal schicken“. Das ist nichts anderes als die Verharmlosung des Krieges.

Ich will mich nicht gewöhnen, dass in Europa das Recht des Stärkeren gilt, wenn Hunderttausenden der Zugang zu Gesundheit, Bildung und einem würdevollen Leben einfach verwehrt wird.

Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass die Würde des Menschen antastbar ist, denn die Würde des Menschen steht tagtäglich zu Zehntausenden bei der Tafel an, um unsere Reste zu essen.

Die Würde des Menschen krepiert vor Lampedusa und die Würde des Menschen stirbt im Krieg und zwar in jedem Krieg, weil der Krieg keine Würde kennt, nicht die der Täter und nicht die der Opfer.

Ich will mich nicht an die Barbareien der globalisierten Welt gewöhnen, die Ausplünderung armer Länder, die Waffenlieferungen, die Unterstützung brutalster Despoten und Diktatoren, ich will mich nicht flüchten in den Zynismus derer die sagen: „Da kannste nichts machen, das war schon immer so“.

Ich möchte mich nicht abfinden, dass es so etwas wie Alternativlosigkeit gibt, weil es immer Alternativen gibt, weil es das Wesen der Demokratie ist, dass es sowas gibt, wie Alternativen. Und ich möchte nicht in einer Welt leben, in der man tatsächlich glaubt, dass, `wenn Jeder an sich denkt, dann ist an Alle gedacht.´

Und ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Menschen, die solche Gedanken haben, als Gutmenschen verspottet werden und verächtlich gemacht werden. – Ausgerechnet von denen, denen der Zynismus jegliche Empathie so zerfressen hat, dass sie ihre eigene Herzlosigkeit nur ertragen können, indem sie andere verächtlich machen.

Ich möchte nicht, dass die die Deutungshoheit über die Moral bekommen, die keine haben.

Es gibt die Unschuld des Nichtwissens nicht mehr.

Wir wissen, dass der Wohlstand auf Unrecht aufgebaut ist. Wir wissen, dass wir die Erde zerstören und wir können auch längst nicht mehr ignorieren, dass Andere arm sind, weil wir reich sind. Wir werden uns nicht raus reden können, mit dem immer gleichen: „Davon haben wir nichts gewusst“.

Nein, wir werden es gewusst haben. Und ich frage mich am Ende: Was wird man über uns sagen in zwanzig, dreißig Jahren? Wer werden wir gewesen sein? Die die zugeschaut haben, wie schon so oft? Werden wir die gewesen sein, die einfach weiter gemacht haben, weil es so bequem war? Oder werden wir die gewesen sein, die gerade nochmal rechtzeitig die Kurve bekommen habe und die die Reißleine gezogen haben, als es noch nicht zu spät war?

Ich bin mir nicht sicher, aber eins weiß ich gewiss, Siri hat darauf keine Antwort!

(Zitat aus: >> Christoph Sieber, Hoffnungslos optimistisch 20.09.2015)

„Wessi“ versus „Ossi“: alltäglicher Rassismus?


Der Fall einer „Silke S.“, die mutmaßlich auf facebook einen sensationell dummen und abwertenden Post über die ostdeutschen Flutopfer abgesetzt hatte (ich berichtete) schlägt immer noch hohe Wellen.

.

Inzwischen hat Frau S. in leider nicht sehr diplomatischer Wortwahl erklärt, dass sie den Post nicht verfasst habe. Dies muß zur Kenntnis genommen werden, da jeder als unschuldig gilt, bis ihm seine Schuld nachgewiesen werden kann.

.

Es ist auch vollkommen gleichgültig, wer der/die Verfasser/in dieses unsäglichen Hetz-Textes ist. Vielmehr finde ich es erschreckend, dass es überhaupt einen Menschen gibt, der solch eine „Meinung“ (was ist denn an dem Schmarrn bitte noch „Meinung“?) vertreten kann – und der sich, ganz nebenbei, mit seinem Unsinn auch mehr als 100 „Likes“, also Zuspruch eingehandelt hat.

.

s51

.

Könnte es vielleicht sein, dass es sich hier um nichts anderes, als dumpfen, hohlen Rassismus handelt?

.

.

Was ist Rassismus eigentlich?

.

Der Soziologe Albert Memmi hat drei Punkte definiert, an denen sich Rassismus festmachen liesse:

.

1. Differenz

Es werde herausgestellt, dass eine Gruppe von Menschen anders sei, als man selbst. Nur durch die rassistische Denkweise werde diese Unterschiedlichkeit überhaupt erst wichtig.

.

2. Wertung

Das reine Aufzeigen von Unterschieden zwischen Gruppen mache noch keinen Rassismus aus. Rassismus beginne dann, wenn der Unterschied zwischen Menschen für das Opfer Nachteile mit sich bringe. Der Rassist stelle sich als liebenswert dar, weil nur seine Opfer verabscheuungswürdige Menschen seien.

.

3. Verallgemeinerung

Die Beschuldigungen des Rassisten richteten sich nicht gegen einen Menschen, sondern gegen eine ganze Gruppe oder einen Kulturkreis. Auch drücke der Rassist seinem Opfer den Stempel für unbegrenzte Zeit auf. Laut Memmi seien die Opfer nicht nur einmalig böse, sondern für immer. Die Guten seien dafür auch für ein ganzes Leben lang gut.

.

.

Hetztirade bedient alte Ressentiments

.

Was ich an dieser lächerlichen, aber dennoch höchst verletzenden „Anti-Ossi-Hetztirade“ so ärgerlich finde ist, dass sie alte (und, wie wir eindeutig sehen können: latent rassistische) Ressentiments zwischen „Wessis“ und „Ossis“ wieder lebendig werden lässt:

.

  • „Die Ossis jammern ja nur“

  • „Die Wessis sind arrogant“

  • „Die Ossis sind nie zufrieden“

  • „Die Wessis nutzen die Ossis nur aus“

  • etc…

.

Ich selber bin seit Jahren extrem viel in Deutschland unterwegs und ich weiß nicht, wo „der Wessi“ denn eigentlich wohnen, oder, was der Ort sein soll, wo „der Ossi“ haust:

.

  • Wer von Hessen nach Schleswig-Holstein fährt, kommt sich vor, wie in einem anderen Land.

  • Wer vom Rheinland nach Westfalen fährt, bemerkt den Unterschied in der Mentalität sehr schnell.

  • Die Kölner nehmen ihre Nachbarn von der Eifel nicht sehr ernst, während Düsseldorfer wiederum eine Abneigung gegen Kölner pflegen.

  • In Chemnitz betonen manche gerne den Unterschied zu den „ziemlich arroganten Dresdnern“ und wer sich in Mecklenburg aufhält kann kaum glauben, dass er nur 300 Kilometer von Jena entfernt ist, wobei es wiederum einige Thüringer gibt, die sich eigentlich als Bayern empfinden, während nicht wenige Oberbayern sich dagegen wehren, alles, was oberhalb von Nürnberg liegt, überhaupt noch als „Bayern“ anzuerkennen.

  • Die traditionelle Feindschaft zwischen „Badensern“ und „Württembergern“ versteht man frühestens mit zwei Promille – und selbst dann bleibt es für Außenstehende noch reichlich absurd.

  • Ich habe Berliner kennengelernt, die mir voller Stolz erzählten, dass sie noch nie in Neukölln waren und versucht man in Spandau einen „vom anderen Kiez“, also zum Beispiel einen Kreuzberger zu einer Party einzuladen, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser trotz Zusage nicht erscheint, gar nicht so gering.

  • In Erding pflegt man eine Aversion gegen „die Münchner“, die ja sowieso alle nur „Zuagroaste“ seien und viele Münchner wiederum würden nie im Leben „in die Provinz aufs Land“ ziehen, wo ja angeblich „die ganzen Inzestler“ hausen.

  • Wobei viele Berliner bereits München als so „hinterwäldlerisch“ empfinden, dass sie „höchstens mal kurz zum Anschauen oder aufs Oktoberfest“ in die „Weltstadt mit Herz“ (vom Rest der Republik oftmals nur als „großes Schicki-Micki Dorf“ bezeichnet) fahren würden.

Und, wer jetzt meint, die Lösung wäre eine Art große „nationale Klammer“ und man müsse sich dann eben als „ein Land“, als „Die Deutschen“ empfinden, der soll nicht vergessen, dass das bis vor Kurzem alles keinesfalls „Deutschland“ war, sondern Österreich-Ungarn, Bayern und Preußen und, dass der Begriff des „Saupreiß´n“ in urigen bayerischen Gaststätten heute noch zum absolut gebräuchlichen Wortschatz gehört.

.

Was regelmäßig auffällt ist, dass ein solches Zurückziehen auf und ein Betonen von scheinbaren gemeinsamen Identitäten („Wessi“, „Ossi“, Bayern, Deutsche, Amerikaner etc.) immer dann verstärkt auftritt, wenn sich mehrere Individuen benachteiligt oder sogar in ihrer Existenz bedroht fühlen.

.

Insofern ist es absolut verständlich, wenn in einer solchen Extremsituation, wie dem derzeitigen Hochwasser Menschen, die noch dazu mit einer erbärmlich dummen Hetze konfrontiert werden, sich solidarisieren, indem sie ihre gemeinsame Vergangenheit betonen. Aus Leipzigern, die freiwillig genauso selten nach Plauen fahren, wie Oranienburger nach Pankow, werden auf einmal „Ossis“. Ingolstädter und Bochumer entdecken nie erwartete Gemeinsamkeiten und mutieren plötzlich zu „Wessis“.

.

Ein facebook-posting als der sympathische Versuch, neu aufgeflackerten Ressentiments mit Humor zu begegnen // Quelle: facebook.de

Ein facebook-posting als der sympathische Versuch, neu aufgeflackerten Ressentiments mit Humor zu begegnen // Quelle: facebook.de

.

.

Unterschiede selbstverständlich vorhanden

.

Unbestreitbar gibt es Unterschiede zwischen „West“ und „Ost“. Die härteste Differenz ist sicherlich der Lohnunterschied, von der Wirtschaft immer wieder begründet mit „niedrigerer Produktivität“. Wobei ich bis heute nicht verstehe, weshalb ein VW-Mitarbeiter in Dresden weniger produktiv sein soll, als einer in Emden – aber da lasse ich mich gerne noch belehren.

.

Desweiteren nenne ich nur mal einen „weichen“ Unterschied, der mir selber in den letzten Jahren immer wieder aufgefallen ist: Menschen, die im Osten den Zusammenbruch eines Systemes erlebt haben, von dem sie immer gelernt hatten, dass es das bessere und überlegenere sei, sind heute bei den derzeitigen Zusammenbrüchen für Veränderungen viel offener und meiner Ansicht nach einen ganzen Schritt weiter, als Menschen, die in der alten BRD sozialisiert wurden und denen 50 Jahre lang eingehämmert wurde, dass sie im „moralisch überlegenen System“ leben würden.

.

Oder auch: Menschen, die von Kind auf das Prinzip „Wettbewerb“ gelernt haben sind auf das berufliche „Durchboxen“ eventuell besser eingestellt, als andere.

.

Aber sind diese Unterschiede wirklich größer, als die Differenzen zwischen Niederbayern und Schwaben? Zwischen Vogtländern und Mecklenburgern? Zwischen Ostfriesen und Holsteinern?

.

.

Die Zeit heilt viele Wunden

.

Am meisten gefreut haben mich in den letzten Tagen Kommentare von jungen Menschen, die nach der „Wende“ geboren wurden und die vieles, was da von „Wessis“ über „Ossis“ und umgekehrt geschrieben wurde, schlicht und einfach nicht mehr verstehen können. So schreibt zum Beispiel ein „Tim“ auf > spottblog.de/mysterium-silke-stotzka/:

.

Nach dem Lesen dieses Artikels ist mir zum ersten mal bewusst geworden, dass ich diese “Mauer im Kopf”, die viele Menschen noch haben, überhaupt nicht habe und nie hatte und sie deswegen auch nie wahrgenommen habe.

.

Es ist für mich persönlich eine Selbstverständlichkeit, dass es keine Unterschiede zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen gibt und das ist mir bisher nie aufgefallen, weil es eben immer eine Selbstverständlichkeit war. Und ich glaube ich habe noch nie in irgendeiner Form darüber nachgedacht, ob Ostdeutsche in irgendeiner Form von ihrer Art oder sonst wie anders sind, als Westdeutsche.
. Und ich denke mal, dass das an meinem Alter liegt, denn ich bin ja gerade einmal 19 Jahre alt. Ja, es ist unglücklicherweise Fakt, dass es immer noch – vor allem was den Lohn angeht – diverse Unterschiede zwischen Ost und West gibt.
.
Aber abgesehen davon freue ich mich ein bisschen über die Vorstellung, dass diese geistige Trennung so langsam verschwindet und verbinde damit auch die Hoffnung, dass es nicht nur mir sondern auch dem Rest meiner Generation so geht.“

.

.

Alles Gute und nur die allerbesten Wünsche für Jeden und Jede, der/die gerade gegen diese furchtbare Hochwasserkatastrophe kämpfen muß – egal ob in Deggendorf oder in Magdeburg!

.

Liebes GLS-Team,


folgenden Paket-Zettel fand ich heute Abend an der Haustüre des Hauses, in dem ich wohne – ein 10-Parteien-Wohnhaus…

.

GLS Paket-Zettel - im außergewöhnlich schreibökonomischen Stil

GLS Paket-Zettel – in bestechend schreibökonomischem Stil

.

"NO 252" - lebt? Und, wenn ja: Wo? Etwa in "Loto"?

„NO 252“ – lebt? Und, wenn ja: Wo? Etwa in „Loto“?

.

Bemerkt ihr etwas, liebes GLS-Team?

.

Frage:

WER von den 10 Mietparteien soll sich denn nun auf den Weg machen und WAS abholen? Und überhaupt: WO??

Jetzt bin ich es ja durchaus schon gewohnt, dass ein GLS-Fahrer grundsätzlich nie klingelt, sondern immer gleich einen Zettel an die Haustüre klebt. Und was haben wir schon für wundervolle „GLS-Abende“ verbracht: wenn die Tage kürzer wurden und die ganze Familie im trauten Kreise vor dem Kamin saß und bei einer guten Tasse heißen Tees reihum versuchte einen bis zur Unkenntlichkeit verkrakelten Paketzettel zu entziffern – ein unterhaltsamer Spaß für jung und alt!

Nicht zu vergessen die amüsanten Fahrten zwecks Selbstabholung ins abgelegene GLS-Paketdepot – eine gelungene Abwechslung, um etwas Schwung in fürchterlich langweilige Arbeitstage zu bringen!

Aber was bitte, liebes GLS-Team, was soll ich denn mit dem Zettel von heute anfangen?

Soll ich…

  • …alle Nachbarn zusammentrommeln und bei einer stimmungsvollen Runde „Flaschendrehen“ den Nachbarn ermitteln, der stellvertretend für das ganze Mietshaus auf Reise gehen darf, um die ominöse „No. 252“ herauszufinden…?

Oder soll ich vielleicht…

  • den Zettel stillschweigend verschwinden lassen und hoffen, dass es sich nicht um ein Päkchen handelt, das an mich adressiert war?

Oder sollte ich besser…

  • ein paar Tage Urlaub nehmen, mir ein Klappbett in den Hausflur stellen und darauf warten, dass ich bei nächstbester Gelegenheit den GLS-Fahrer zu Gesicht bekomme und ihn solange foltern kann, bis ich aus ihm die Daten herausquetsche, die eigentlich auf diesen Zettel gehören?

Ich könnte naürlich auch einfach…

  • den Zettel wieder an die Haustüre hängen und darunter einen weiteren Zettel mit einem dicken, fetten „HÄÄÄÄÄ?“ kleben!?

Ach herrje, sooo viele Möglichkeiten…! Das muß wohl „freie Marktwirtschaft“ und „Wettbewerb“ sein: Wenn man als Kunde so viele Optionen hat, dass man gar nicht mehr weiß, wofür man sich entscheiden soll.

Liebes GLS-Team, bitte hilf doch mir armem Verbraucher, der so naiv ist, dass er sich darauf verlässt, dass ein Unternehmen, welches Pakete zustellt, das tut, was es verspricht, nämlich: Pakete zustellen!

Vielleicht eine kleine Anregung, sozusagen als Verbesserungsvorschlag: wenn das Paketgeschäft so unrentabel ist, dass es sich schlicht und einfach nicht lohnt, Pakete zuzustellen… dann spart Euch doch dieses Geschäft einfach. Es gibt so schöne Wälder, Deponien, Seen und Kiesgruben, in denen ihr die ganzen nervigen Päckchen Tag für Tag schnell und hygienisch entsorgen könnt. Wer weiß, vielleicht habt Ihr Eure leidgeprüften Kunden bereits so gut „erzogen“, dass sie, anders als ich, es gar nicht mehr erwarten, etwas von Euch zugestellt zu bekommen? Warum dann also erst einen „Zustellversuch“ wagen?? – Hinfort mit dem ganzen Plunder! Das wäre doch eine klassische „Win-Win-Situation“ für beide Seiten!

Mal im Ernst: Ein Günter Wallraff hat nicht umsonst (und auch nicht als Erster) festgestellt, dass die Arbeitsbedingungen für Eure Ausfahrer unter aller Kanone und schlichtweg menschenverachtend sind: >>Paketdenste – Wechseln Sie einfach!

Wer Menschen als freie Mitarbeiter beschäftigt und ihnen sowenig zahlt, dass sie bei einem absoluten Knochenjob auf deutlich weniger als 10 Euro die Stunde kommen, der braucht sich nicht zu wundern, dass jede Form von Qualität und Service Level Agreement auf der Strecke bleibt.

Denken Sie mal darüber nach!

.

Paketdienste: Wechseln Sie einfach!


Enthüllungsjournalist Günter Wallraff sorgt in diesen Tagen wieder einmal für Furore: er hatte sich als Paketbote beim Dienstleister GLS eingeschleust und eine zeitlang mitgearbeitet.

Wallraffs Erfahrungen: (Zitat aus FAZ.de) „…Wer denkt schon daran, dass das Paket jemand ausliefert, der 3,14 Euro brutto die Stunde verdient und zwölf bis vierzehn Stunden pro Tag malocht?… Der Tag beginnt morgens um fünf und endet nicht vor sieben, acht Uhr abends. Dazwischen wird tonnenweise ein- und ausgeladen, ein- und ausgeladen, nicht für die kleinste Pause bleibt Zeit, das Fahrtenbuch – von den Fahrern „Märchenbuch“ genannt – wird geschönt, und zwischendurch kommen neue Befehle aus der Zentrale. Dabei braucht es „gar keinen Antreiber“, erkennt Wallraff, „es ist das System.“

Am Ende des Monats bleiben dem Fahrer, 1300, 1400 Euro brutto. Und den Subunternehmern, die GLS beschäftigt, bleibt unter Umständen noch weniger als das. Sie stehen im Risiko, vor allem im finanziellen, und tragen die Verantwortung. Es sind ehemalige Fahrer, denen man, wie im Film geschildert wird, weisgemacht hat, dass sie das große Geld verdienen und die am Ende mit horrenden Schuldsummen dastehen. Ein Kommen und Gehen und Auspressen, solange, bis die Arbeitnehmer am Ende sind, so schildert es Wallraff: ein ausgeklügeltes System der Ausbeutung, begünstigt durch das Fehlen eines gesetzlichen Mindestlohns und gipfelnd in einem perversen „Bußgeldkatalog“, mit dem GLS angeblich seine Mitarbeiter – die streng genommen gar keine sind, sondern Angestellte der Subunternehmer – gängelt und einschüchtert.“

Günter Wallraff dokumentiert damit Mißstände, die jedem längst klar waren, der sich auch nur einmal zwei Minuten konzentriert mit einem Paketfahrer unterhalten hat! Es ist absolut widerlich und abscheulich miterleben zu müssen, welche Auswüchse moderner Renditewahn und sogenanntes „betriebswirtschaftliches Denken“ verursachen können. Leider handelt es sich bei den entsprechend ausbeutenden Paketdiensten um keine Ausnahme! Die mehr als 6 Millionen Niedrigstlohn-Jobber in Deutschland (Friseurinnen im Ruhrgebiet und in Ostdeutschland, Pflegekräfte, Küchenhilfen, Reinigungskräfte etc. etc..) können ein schauderliches Lied davon singen!

Was können wir als Verbraucher und Paketversender machen?

In diesem Fall ist es erfreulich einfach: wechseln Sie den Paketdienst. Während viele Versandunternehmen angeblich zu nahezu 100% ausschließlich mit sogenannten „Subunternehmern“ arbeitet, hört man aus Gewerkschaftskreisen, dass vor allem DHL größtenteils Tariflöhne, teilweise auch übertariflich bezahlen soll (der Vollständigkeit halber: dies gilt allerdings erst nach einer ziemlich schikanösen „Einarbeitungsphase“)

  • Es reicht aus, wenn wir als Verbraucher zu einem fair bezahlenden Anbieter wie z.B. DHL wechseln.
  • Versenden Sie ausschließlich über diesen Anbieter.
  • Kaufen Sie bei keinem Ebay-oder sonstigen Händler mehr, der nicht über diesen Anbieter versendet.

Sie sehen: Manchmal funktioniert Marktwirtschaft verdammt einfach. Wir müssen es einfach nur machen!

 

Doch es bleiben Fragen:

  • Wann bekommen wir die Namen der Bekleidungshersteller, die NICHT Arbeiterinnen in Bangladesh bis zum Umfallen ausnutzen?
  • Wann erfahren wir, welcher Wurstfabrikant seine Tiere vernünftig füttert und aufwachsen lässt, sodass wir nicht nach jeder Scheibe Salami befürchten müssen, die Krätze zu bekommen?
  • Wo können wir nachlesen, welche Bank ihre Kundengelder nutzt, um damit wirklich sinnvolle Projekte und Firmen zu finanzieren?

Und: Warum ist noch niemand auf die Idee gekommen, eine Website zu eröffnen, in der genau diese Informationen kurz und knapp zu finden sind? Warum gibt es noch kein Bonuskartensystem, bei dem wir nur bei solchen Anbietern Punkte sammeln können, die fair und nachhaltig wirtschaften?  – Viele Verbraucher würden es dankbar nutzen.

Marktwirtschaft kann manchmal so einfach sein. Denken Sie mal darüber nach!