Fiedel-fiedel tüteli-tü


Freitag vor zwei Wochen fahre ich im Auto und höre Klassik-Radio. Ein Stück aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Fiedel-fiedel tüteli-tü – eingängiger, leichter Stoff. Fast schon Populärmusik. Eine Art „Rihannas Neunte“ für Gelegenheits-Klassikliebhaber.

Auf einmal stoppt die Musik und es folgt ein Wortbeitrag. Der Radiomoderator berichtet vom anstehenden Amerika-Gipfel in Panama und von der Annäherung zwischen den USA und Kuba. Er begrüßt im Studio eine Journalistin, die er als „Auslandskorrespondentin“ tituliert. Er richtet folgende Frage an sie (nahezu wörtliches Zitat):

Nun herrschte mehr als 50 Jahre lang völlige Eiszeit zwischen den USA und Kuba. Wie kommt es, dass sich jetzt auf einmal die USA auf ihren kleinen Nachbarn zu bewegen?

Antwort Auslandskorrespondentin: „Ja, in der Tat, 50 Jahre sind eine sehr lange Zeit. Und Präsident Obama hat jetzt gesagt: `50 Jahre sind genug`. Und so warten wir nun alle auf den historischen Händedruck…

Aaaah ja… Der Herr sah, dass es gut war… (beziehungsweise: genug)… und das war dann schon die gesamte Erklärung für den Politikwechsel der USA gegenüber Kuba. Ich überschlage kurz aus meiner beruflichen Vergangenheit, was die Zielgruppe von Klassik-Radio war (besserverdienend, überdurchschnittlicher Bildungsgrad…) und denke darüber nach, was ich denn sonst so in den letzten Tagen über die Annäherung der USA an Kuba gehört oder gelesen hatte:

Eigentlich begegnete mir nur ein zweites, sehr häufig genanntes Deutungsmuster: Die Ursache für die neue Kuba-Politik der USA sei… der Papst. Und zwar, weil er so gerne Briefe schreibt.

Wer schreibt, der bleibt. Ob der Papst wohl auch Wohlfahrtsmarken benutzt? // Quelle: http://www.sueddeutsche.de/panorama/annaeherung-zwischen-kuba-und-usa-franziskus-der-vermittler-1.2272967

Wer schreibt, der bleibt. Ob der Papst denn auch Wohlfahrtsmarken benutzt? // Quelle: http://www.sueddeutsche.de/panorama/annaeherung-zwischen-kuba-und-usa-franziskus-der-vermittler-1.2272967

Nun hören sich diese Geschichten ja beide ganz nett und so herrlich simpel an. Doch habe selbst ich als weitgehend ahnungsloser und naiver Medien-Rezipient doch irgendwann einmal gelernt: Außenpolitik ist seit Je her reine Interessenpolitik. Das heißt, um Außenpolitik analysieren und erklären zu können, muß man sauber die jeweiligen Interessen der handelnden Parteien durch deklinieren. Im Falle der Annäherung der USA an Kuba stellen sich daher folgende Fragen:

  • Aus welchem Interesse nähern sich die USA an Kuba an?
  • Warum erfolgt diese Annäherung gerade jetzt?
  • Welche Ziele verfolgen beide Seiten bei dieser Annäherung?

Ich habe in keinem einzigen etablierten Medium in Deutschland gelesen/gehört/gesehen, dass diese Fragen gestellt worden wären.

Kann es vielleicht sein, dass die USA ihre weitgehende Isolation in Lateinamerika aufbrechen möchten? Möchte man verhindern, dass Rußland Mittelstreckenraketen auf Kuba stationieren könnte und damit die USA in die gleiche peinliche Lage bringen würde, in die die NATO Rußland gebracht hat? Oder was auch immer…?

Nur die alternativen Medien (youtube-Kanäle zum Beispiel) geben Erklärungsversuche und Analysen – die dann natürlich von den etablierten Medien wieder kurzerhand als „Verschwörungstheorien“ abgestempelt werden können.

So bleibt nur festzustellen:
Obama gibt bekannt, dass die USA ihre Kuba-Politik radikal ändern – und die deutschen Journalisten so: „Määäh….

Na, wenn das alles auf diesem Niveau abläuft, dann doch lieber: fiedel-fiedel tüteli-tü.

.

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s