VWL in der Krise – Teil 1: Wo, bitte, geht´s zum „freien Markt“?


Wer hat vor 10 Jahren die Finanzkrise prognostiziert? Wer hat rechtzeitig vor einem Niedergang der Hypothekenmärkte in den USA gewarnt? Wer hat die Turbulenzen der weltweiten Anleihenmärkte vorhergesehen? Und wer hat rechtzeitig weitergedacht und vor einer sich entwickelnden Währungskrise gewarnt?

Ihnen fallen dabei kaum Namen ein? Seltsam.

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Seit Jahren können wir beobachten, dass die wichtigsten volkswirtschaftlichen Modelle unserer westlichen Welt permanent und drastisch versagen. So spricht Heiner Flassbeck, Chefökomon der UNO-Organisiation für Welthandel (UNCTAD) in deutlichen Worten davon, dass viele seiner Kollegen schlicht „unfähig“ seien „die Welt angemessen zu deuten“.

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Und Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman stellt ernüchtert in der New York Times fest, dass „wir scheinbar ein Heer von ´Experten´ haben, deren Expertise noch nicht einmal ausreicht, um die kommenden 6 Monate ausreichend sicher zu prognostizieren.“

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Dabei waren wir doch noch vor wenigen Jahren stolz darauf, die Volkswirtschaften in der westlichen Welt so richtig gut im Griff zu haben: Mit dem Niedergang der UdSSR schien „das Ende der Geschichte“ erreicht, wie Francis Fukuyama in schönster hegelscher Tradition noch Anfang der 90er Jahre postulierte. Die Inflation sei „besiegt“ (Alan Greenspan) und londoner Investmentbanker wurden als die „Masters of the Universe“ gefeiert, die die „Globalisierung“ so wunderbar im Griff hätten.

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Die „unsichtbare Hand“ und der „Homo oeconomicus“

Ein paar Jahre später sieht dieses Bild freilich ganz anders aus: während draußen Währungskriege mit Hilfe von irreführenden Ratings ausgetragen werden, während Börsen verrückt spielen, abwechselnd mal Gier, dann wieder blanke Panik die Finanzmärkte auf Achterbahnfahrt schickt, während manche Länder ihre Banken retten, Staaten scheinbar in Schulden versinken, Rettungspakete im Eildurchlauf durchgewunken werden, Milliarden zu Billionen werden.

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Während gleichzeitig niemand eine Vorstellung davon hat, was in zwei Monaten, geschwiege denn in zwei Jahren sein wird und das Chaos kaum größer sein könnte – ja, genau zur selben Zeit sitzen VWL-Studenten in unseren Hörsälen und lernen, dass die „unsichtbare Hand des Marktes“ (Adam Smith) immer zu einem Gleichgewicht führe und die „Märkte“ stets effizient und perfekt ausbalanziert seien.

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Und sie berechnen mit den mathematischen Modellen der Neoklassik Szenarien für eine Welt, in der sich lauter „Wirtschaftssubjekte“ tummeln, die als „Homo Oeconomicus“ in freien Märkten grundsätzlich rational handeln.

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Nicht wenige dieser Studenten reiben sich verdutzt die Augen und fragen sich in welcher Welt sie denn da wohl gelandet seien – so offensichtlich ganz weit entfernt von jeder Realität.

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Neoklassik dominiert seit 30 Jahren die Volkswirtschaftslehre

Die Theorie des „Homo Oeconomicus“ ist eines der zentralen Elemente der Neoklassik, einer Lehrmeinung in der Volkswirtschaftslehre. Die „neoklassische Theorie“ war bereits bis zu den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts dominierend und wurde gerne von den meisten Ökonomen angewandt. Wichtige Grundthesen dieser Theorie sind:

  • Der Wert eines Gutes ergibt sich stets aus Angebot und Nachfrage (Grenznutzentheorie).

  • Wirtschaftssubjekte, wie z.B. Menschen handeln, indem sie Vorteile und Nachteile für sich abwägen und dann rational für sich entscheiden (z.B. bei einer Kaufentscheidung).

  • Märkte streben grundsätzlich und immer eine innere Ausgeglichenheit/Gleichgewicht an.

  • Dies geschehe durch eine „unsichtbare Hand des Marktes“ – eine Theorie die noch auf das 18te Jahrhundert und Adam Smith zurückgeht.

Die Neoklassik entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur dominierenden Wirtschaftstheorie, wohl unter anderem deshalb, weil man mit ihrer Hilfe die Welt so herrlich einfach darstellen (Simplifizieren) konnte und, weil es einer großen Zahl von Wissenschaftlern gelang, aus dieser Theorie die unterschiedlichsten Rechenmodelle abzuleiten (jeder VWL-Student wird jetzt innerlich aufstöhnen…), was dem Ganzen einen wunderbar pseudo-naturwissenschaftlichen Anstrich und die Illusion vollkommener Kalkulierbarkeit gab.

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Im Zuge der Weltwirtschaftskrise geriet die neoklassische Theorie in den 1920er Jahren zunehmend in Verruf, denn ihr wurde zurecht vorgeworfen, dass sie weder die Krise vorhergesehen habe noch diese Krise ausreichend erklären könne. – Die mathematischen Modelle erwiesen sich als weitgehend wertlos.

Und in der Tat fallen die Mängel der neoklassischen Theorie jedem Betrachter sofort ins Auge:

Menschen fällen ihre wirtschaftlichen Entscheidungen, wie z.B. Kaufentscheidungen eben NICHT rational. Dies wird nicht nur jeder halbwegs selbstkritische Autokäufer sofort bestätigen können, sondern es entspricht auch dem Stand der psychologischen Forschung:

Ein Amerikaner, der noch im Jahr 2006, auf dem Gipfel der Immobilieneuphorie ein neues Haus gekauft und es gleichzeitig zu 120% finanziert hat, der hat dies sicherlich nicht getan, weil es rational sinnvoll war, nach über 200% Preissteigerung jetzt noch zuzugreifen.

Ein Deutscher, der 1999 eine EM.TV-Aktie bei einem Kursstand von 2.000 DM nach mehr als 1000 % Kurssteigerung gekauft hat, der hat dies auch sicherlich nicht getan, weil erzuvor klug, ruhig und sachlich die PRO´s und CONTRA´s abgewogen hatte.

Wer sich heute in Deutschland eine vermietete Wohnung zulegt und, wie teilweise in München, das über 35-fache einer Jahresmiete dafür auf den Tisch legt, der handelt nicht rational, sondern aus Ratlosigkeit, Angst, Panik, oder anderen emotionalen Motiven.

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Die Theorie der freien Märkte, die zu perfekter Preisbildung und Ausgleich führen klingt bestechend, aber: Wo, bitte, gibt es diese Märkte?

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Sind damit etwa die Edelmetallmärkte gemeint, die so drastisch marktmanipuliert werden, dass man die Manipulationen täglich fast auf die Minute genau vorhersagen kann?

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Sind damit die CDS-Märkte gemeint, die im Wesentlichen von 5 großen (Ex-)Investmentbanken aus dem angelsächsischen Raum beherrscht werden?

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Ist damit der deutsche Strommarkt gemeint, den sich 4 große Stromkonzerne untereinander aufteilen?

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Oder meinen wir vielleicht den deutschen Arbeitsmarkt, in dem durch politische Einmischung täglich einem Großteil der Marktteilnehmer eine der wichtigsten Freiheiten, die Vertragsfreiheit, genommen wird, indem sie unter Androhung von Sanktionen in Jobs hineingezwungen werden?

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Ist es marktliberal, wenn Europa Handelsschranken gegen die dritte Welt kultiviert, China Strafzölle gegen ausländische Autos erhebt und die USA eine (!) Weltleitwährung etabliert haben?

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Und ist es etwa marktliberal, wenn der wichtigste Preis in unserem System, nämlich der Preis des Geldes, also der Zins, sich keinesfalls frei bildet, sondern planwirtschaftlich zentral durch eine Zentralbank festgelegt wird??

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Egal, wo wir hinsehen, müssen wir feststellen, dass in Märkten, die ursprünglich eventuell mal dem Ideal „freier Märkte“ annäherungsweise entsprachen, sich rasch Oligopole bilden, die das Marktprinzip und damit auch die Preisfindung ad absurdum führen – Walter Eucken lässt grüßen.

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Wir müssen ferner feststellen, dass wir gerade in wesentlichen Grundpfeilern unseres Finanz- und Wirtschaftssystemes mitnichten marktliberale Strukturen haben (so z.B. bei der Preisbildung des Geldes, also beim Zins).

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Vielleicht müssen wir eines Tages feststellen, dass die Idee von „freien Märkten“ in der Theorie zwar sehr eingängig ist, in der Praxis aber vollkommen der menschlichen Natur wiederstrebt und damit vollkommen unrealistisch, ja geradezu traumtänzerisch ist, weil der Mensch immer und zu jeder Zeit und in jedem System selbstverständlich versuchen wird, in Märkte einzugreifen, Märkte zu erobern, Marktmacht zu erlangen.

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Nun ist die Grundidee des freien Marktes aber das zentrale Fundament des Kapitalismus… wir erinnern uns: auch im Kommunismus gibt es eine Grundidee, die sich als vollkommen wider die menschliche Natur herausgestellt hat: nämlich die Vorstellung, dass der Mensch dauerhaft in und für eine große Kommune arbeiten wolle, ohne selber von seiner Leistung zu profitieren.

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Diese Idee ist krachend gescheitert, was fast jeder bestätigen kann, der in einem „VEB“, in einem „Kombinat“ oder in einer „Kolchose“ tätig war und täglich erleiden musste, dass es in seiner Arbeitsgruppe immer ganz Wenige gab, die richtig fleißig und kreativ waren, während sich die Mehrheit der Kollegen in Mittelmäßigkeit und „Mitschwimmen“ ergehen konnten.

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Vielleicht werden wir eines Tages feststellen müssen, dass sowohl der Kommunismus mit seiner Vorstellung des „Kollektivs“, wie auch der Kapitalismus mit seiner Vorstellung des „freien Marktes“ nette Theorien waren, die in der Praxis aber einfach nicht funktionieren, weil die Theorien zu realitätsfern waren.

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Und vielleicht sollte dieser Tag bereits heute sein. Damit wir, fernab von ideologischen Verblendungen ohne Tunnelblick nach einem neuen, einem dritten Weg suchen können.

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