Lieber Herr Biermann,


ich kenne Sie kaum. Als Sie 1976 ausgebürgert wurden, war ich noch nicht geboren. Ich habe jedoch gelernt, dass Sie ein aktiver Widerstandskämpfer in der DDR waren. Bei der Bevölkerung des Landes sollen Sie in den 70er und 80er Jahren extrem beliebt gewesen sein. Eine Person, zu der man aufschaut. Eine Persönlichkeit, die vielen Mitmenschen durch ihr künstlerisches Wirken Kraft gegeben hat.

Letzten Freitag durfte ich auf dem Bildschirm mitverfolgen, > wie Sie im Deutschen Bundestag aufgetreten sind. Ich sah einen Mann, der mein Opa sein könnte. Dieser Mensch beweihräucherte sich zunächst selbst, indem er sich als „Drachentöter“ titulierte und betonte, dass er sich „auch hier nicht das Reden abgewöhnen“ werde. Offensichtlich besaß er nicht die Altersweisheit, um zu erkennen, wie erschreckend peinlich es wirkte,  wie er sich selber lobhudelte.

Offenbar hatte er auch nicht das Feingefühl zu bemerken, dass die Einladung in den Bundestag bereits Ausdruck solch großen Lobes für ihn war, dass die eigene Erwähnung großartiger Taten nur noch kontraproduktiv für das eigene Erscheinungsbild wirken konnte.

Danach erlebte ich, wie dieser alte Herr begann, verbal eine Gruppe Abgeordneter zu attackieren. Die angegriffenen Volksvertreter konnten in dieser Situation nach den Statuten des Deutschen Bundestages weder antworten, noch sich wehren, noch in irgendeiner Weise hörbar reagieren.

Begleitet wurden die Verbalattacken von lautem Klatschen und Johlen des gesamten restlichen Bundestages. Nach Ende des Auftrittes kamen die höchste Repräsentantin unserer Bundesregierung, gemeinsam mit ihrem Stellvertreter auf Sie zu, Herr Biermann, und gratulierten Ihnen.

So sieht also heute der Mut eines Widerstandskämpfers aus.

Herr Biermann, wenn

  • sich eine erdrückende Mehrheit
  • unter Anleitung eines Rädelsführers
  • auf eine kleine Minderheit stürzt,
  • die sich in diesem Moment nicht wehren kann…

…dann hat das, so, wie ich die Welt verstehe, nichts mit „mutigem Widerstand gegen die Mächtigen“ zu tun, sondern, dann ist das schlicht: Mobbing.

Nun könnte man Ihren Auftritt unter dem Motto „Jeder blamiert sich, so gut er kann“ als lustiges Bonmot aus dem Bundestag abhaken. Die Selbstdemontage einer Lichtgestalt – so etwas kannte man bislang aus dem RTL-Dschungelcamp und es ist in seiner ganzen Tragik, zweifelsohne, durchaus unterhaltsam.

Doch, gibt es nicht gerade jetzt einen akuten, dringenden Bedarf an potenziellen „Drachentötern“, die mit spitzer Zunge und scharfem analytischem Verstand den Stachel gegen die (Über-)mächtigen richten?

  • Die allgemeine Bespitzelung hat ein Ausmaß erreicht, das alptraumhaft und scheinbar vollkommen unkontrollierbar geworden ist.
  • Die Wirtschaft ist marode. Sie bietet immer weniger Menschen ein planbares, gutes Einkommen und das Finanzwesen kann nur durch wahnwitziges Gelddrucken vor dem Kollaps bewahrt werden.
  • Eine kleine Elite erhält Vollkasko-Absicherung (durch ESM-Bankenrettungsschirme), die Volksmeinung wird dazu nicht befragt.
  • Die gewählten Abgeordneten werden mit Fraktionszwang und Selbstzensur zur Konformität gedrillt. Sogenannte „Abweichler“ isoliert man.
  • Die Hegemonialmacht zeigt sich unerbittlich. Sie lässt wichtigste Freihandelsabkommen nur geheim verhandeln, hört Regierungsmitglieder ab und zwingt diese dazu, gegen jeden wirtschaftlichen und politischen Sachverstand Sanktionen gegen einen wichtigen Nachbarn zu verhängen.
  • An der Außengrenze wird täglich > dutzendfach gestorben. Die Leichen liegen vor Lampedusa im Wasser oder sie verfaulen an den Stränden von Gran Canaria.

Eine erdrückende Mehrheit der gewählten Volksvertreter lässt das völlig kalt. Zumindest lässt ihr Verhalten kaum einen anderen Rückschluß zu.

Ein rasch expandierender Teil der Bevölkerung hat fast jedes Vertrauen zu „Politikern“ und zu einem Großteil der Medien verloren.

Ein Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefert-Seins macht sich breit.

Lieber Herr Biermann, erinnert Sie das an was?

Ich finde es beunruhigend, dass Sie diese aktuellen Bedrückungen scheinbar nicht sehen und, dass Sie auch keinerlei Parallelitäten zu den Zuständen „von damals“ erkennen. Dies haben Sie offenbar gemein mit dem ehemaligen DDR-„Bürgerrechtler“ Joachim Gauck, sowie mit der ehemaligen FDJ-Referentin für Agitation und Propaganda, die von uns gewählte Kanzlerin.

Jedoch: Die Dämonen von einst sind längst wieder erwacht und in neuem Gewand zurück gekehrt. Aus dem „real existierenden Sozialismus“ wurde die real existierende marktkonforme Demokratie. In beiden Fällen geht es um das Gleiche: Massiver Machtmissbrauch zur Durchsetzung einer angeblich alternativlosen Ideologie.

Herr Biermann, die DDR war als Gesellschaft weitgehend erstarrt und moralisch verrottet, unter anderem, weil…

  • eine abstoßende Nomenklatura von Selbstgerechten kaum Rücksicht auf große Teile der Bevölkerung genommen hat
  • die „Führenden“ meinten, Sie seien im Besitz der „einen Wahrheit“ und müssten diese mit Gewalt durchdrücken
  • Anpassung belohnt und Querdenken (und damit die Basis für Fortschritt) bestraft wurde.

– Sind wir uns da zumindest halbwegs einig?

Deshalb bin ich froh über jede demokratische politische Bewegung, die sich gegen die übergroße Koalition aus CDUCSUSPDGRÜNE-Einheitsmeinung stellt. Ich bin froh, dass es die LINKE im Parlament gibt, die hin und wieder noch Diskussionen anstößt. Ich freue mich auch, dass die AfD sich aufmacht, in den Bundestag gewählt zu werden. – Weil ich hoffe, dass sich dadurch endlich wieder mehr Menschen in ihren Wünschen vertreten sehen.

Alles, was die völlige Erstarrung, den Vertrauensverlust und die Gleichförmigkeit in unserer „marktkonformen Demokratie“ aufhalten kann, ist meiner Meinung nach gut!

Die DDR ist untergegangen, weil sie zuletzt vollkommen unreformierbar geworden war.

Wie sieht das heute bei uns aus?

Bei Ihrem Auftritt im Bundestag, lieber Herr Biermann und bei der Reaktion der Abgeordneten von CDU, CSU, SPD und den GRÜNEN, hatte ich die DDR-Volkskammer mit ihren Blockparteien vor meinem geistigen Auge. Die alte SED-DDR mit ihrer ganzen Selbstgerechtigkeit, ihrer Realitätsferne, ihrer Besserwisserei und ihrer Aggressivität gegenüber vermeintlichen Feinden – diese DDR war am vergangenen Freitag wieder auferstanden.

Mitten im deutschen Bundestag.

Ein gespenstisches Schauspiel, in dem nach bester orwellscher Manier eine vollkommene Anbiederung zu „Widerstand“ umgedichtet wurde.

Hätten CDUCSUSPDGRÜNE tatsächlich einen echten Widerstandskämpfer anhören wollen, so hätten sie Edward Snowden in den Bundestag eingeladen. – Haben Sie diesen Namen schon mal gehört, Herr Biermann?

Alternativ hätte man auch einen Liedermacher einladen können, der in der heutigen Zeit den spitzen Stachel seiner Worte benutzt, um tatsächlich noch „den Drachen zu locken“. Der folgende Kollege, lieber Herr Biermann, wirkt auch erbärmlich eitel und selbstverliebt. Und er kann ebenfalls nicht singen. Aber er nimmt sich wenigstens Themen und Stimmungen an, die hochaktuell sind:

6 Gedanken zu “Lieber Herr Biermann,

  1. Herr Meyer,

    die Selbstgefälligkeit von Wolf Biermann im Bundestag hat mich auch entsetzt. Er wirkte leicht verwirrt und wie von Gestern. Traurig zu sehen was mit den Idolen von damals geworden ist.

    NM

  2. nieman spricht über die ganzen blockflöten die nach der wende in der cdu und in der fdp aufgegangen sind. auch herr biermann ist auf diesem auge blind und wirkt leider nur noch peinlich.

    er war mal ein volksheld. man mag es kaum glauben.

  3. Großartig geschrieben mit einem passenden Lied am Ende, mir kamen beim Lesen die Tränen! Es ist unglaublich in wwelchen Zeiten wir Leben!

  4. „die alte sed-ddr ist im bundestag wieder auferstanden“

    treffender kann man es nicht formulieren. wir erleben zur zeit ddr 2.0. willkommen im banken-sozialismus!

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