„Wessi“ versus „Ossi“: alltäglicher Rassismus?


Der Fall einer „Silke S.“, die mutmaßlich auf facebook einen sensationell dummen und abwertenden Post über die ostdeutschen Flutopfer abgesetzt hatte (ich berichtete) schlägt immer noch hohe Wellen.

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Inzwischen hat Frau S. in leider nicht sehr diplomatischer Wortwahl erklärt, dass sie den Post nicht verfasst habe. Dies muß zur Kenntnis genommen werden, da jeder als unschuldig gilt, bis ihm seine Schuld nachgewiesen werden kann.

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Es ist auch vollkommen gleichgültig, wer der/die Verfasser/in dieses unsäglichen Hetz-Textes ist. Vielmehr finde ich es erschreckend, dass es überhaupt einen Menschen gibt, der solch eine „Meinung“ (was ist denn an dem Schmarrn bitte noch „Meinung“?) vertreten kann – und der sich, ganz nebenbei, mit seinem Unsinn auch mehr als 100 „Likes“, also Zuspruch eingehandelt hat.

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s51

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Könnte es vielleicht sein, dass es sich hier um nichts anderes, als dumpfen, hohlen Rassismus handelt?

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Was ist Rassismus eigentlich?

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Der Soziologe Albert Memmi hat drei Punkte definiert, an denen sich Rassismus festmachen liesse:

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1. Differenz

Es werde herausgestellt, dass eine Gruppe von Menschen anders sei, als man selbst. Nur durch die rassistische Denkweise werde diese Unterschiedlichkeit überhaupt erst wichtig.

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2. Wertung

Das reine Aufzeigen von Unterschieden zwischen Gruppen mache noch keinen Rassismus aus. Rassismus beginne dann, wenn der Unterschied zwischen Menschen für das Opfer Nachteile mit sich bringe. Der Rassist stelle sich als liebenswert dar, weil nur seine Opfer verabscheuungswürdige Menschen seien.

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3. Verallgemeinerung

Die Beschuldigungen des Rassisten richteten sich nicht gegen einen Menschen, sondern gegen eine ganze Gruppe oder einen Kulturkreis. Auch drücke der Rassist seinem Opfer den Stempel für unbegrenzte Zeit auf. Laut Memmi seien die Opfer nicht nur einmalig böse, sondern für immer. Die Guten seien dafür auch für ein ganzes Leben lang gut.

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Hetztirade bedient alte Ressentiments

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Was ich an dieser lächerlichen, aber dennoch höchst verletzenden „Anti-Ossi-Hetztirade“ so ärgerlich finde ist, dass sie alte (und, wie wir eindeutig sehen können: latent rassistische) Ressentiments zwischen „Wessis“ und „Ossis“ wieder lebendig werden lässt:

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  • „Die Ossis jammern ja nur“

  • „Die Wessis sind arrogant“

  • „Die Ossis sind nie zufrieden“

  • „Die Wessis nutzen die Ossis nur aus“

  • etc…

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Ich selber bin seit Jahren extrem viel in Deutschland unterwegs und ich weiß nicht, wo „der Wessi“ denn eigentlich wohnen, oder, was der Ort sein soll, wo „der Ossi“ haust:

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  • Wer von Hessen nach Schleswig-Holstein fährt, kommt sich vor, wie in einem anderen Land.

  • Wer vom Rheinland nach Westfalen fährt, bemerkt den Unterschied in der Mentalität sehr schnell.

  • Die Kölner nehmen ihre Nachbarn von der Eifel nicht sehr ernst, während Düsseldorfer wiederum eine Abneigung gegen Kölner pflegen.

  • In Chemnitz betonen manche gerne den Unterschied zu den „ziemlich arroganten Dresdnern“ und wer sich in Mecklenburg aufhält kann kaum glauben, dass er nur 300 Kilometer von Jena entfernt ist, wobei es wiederum einige Thüringer gibt, die sich eigentlich als Bayern empfinden, während nicht wenige Oberbayern sich dagegen wehren, alles, was oberhalb von Nürnberg liegt, überhaupt noch als „Bayern“ anzuerkennen.

  • Die traditionelle Feindschaft zwischen „Badensern“ und „Württembergern“ versteht man frühestens mit zwei Promille – und selbst dann bleibt es für Außenstehende noch reichlich absurd.

  • Ich habe Berliner kennengelernt, die mir voller Stolz erzählten, dass sie noch nie in Neukölln waren und versucht man in Spandau einen „vom anderen Kiez“, also zum Beispiel einen Kreuzberger zu einer Party einzuladen, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser trotz Zusage nicht erscheint, gar nicht so gering.

  • In Erding pflegt man eine Aversion gegen „die Münchner“, die ja sowieso alle nur „Zuagroaste“ seien und viele Münchner wiederum würden nie im Leben „in die Provinz aufs Land“ ziehen, wo ja angeblich „die ganzen Inzestler“ hausen.

  • Wobei viele Berliner bereits München als so „hinterwäldlerisch“ empfinden, dass sie „höchstens mal kurz zum Anschauen oder aufs Oktoberfest“ in die „Weltstadt mit Herz“ (vom Rest der Republik oftmals nur als „großes Schicki-Micki Dorf“ bezeichnet) fahren würden.

Und, wer jetzt meint, die Lösung wäre eine Art große „nationale Klammer“ und man müsse sich dann eben als „ein Land“, als „Die Deutschen“ empfinden, der soll nicht vergessen, dass das bis vor Kurzem alles keinesfalls „Deutschland“ war, sondern Österreich-Ungarn, Bayern und Preußen und, dass der Begriff des „Saupreiß´n“ in urigen bayerischen Gaststätten heute noch zum absolut gebräuchlichen Wortschatz gehört.

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Was regelmäßig auffällt ist, dass ein solches Zurückziehen auf und ein Betonen von scheinbaren gemeinsamen Identitäten („Wessi“, „Ossi“, Bayern, Deutsche, Amerikaner etc.) immer dann verstärkt auftritt, wenn sich mehrere Individuen benachteiligt oder sogar in ihrer Existenz bedroht fühlen.

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Insofern ist es absolut verständlich, wenn in einer solchen Extremsituation, wie dem derzeitigen Hochwasser Menschen, die noch dazu mit einer erbärmlich dummen Hetze konfrontiert werden, sich solidarisieren, indem sie ihre gemeinsame Vergangenheit betonen. Aus Leipzigern, die freiwillig genauso selten nach Plauen fahren, wie Oranienburger nach Pankow, werden auf einmal „Ossis“. Ingolstädter und Bochumer entdecken nie erwartete Gemeinsamkeiten und mutieren plötzlich zu „Wessis“.

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Ein facebook-posting als der sympathische Versuch, neu aufgeflackerten Ressentiments mit Humor zu begegnen // Quelle: facebook.de

Ein facebook-posting als der sympathische Versuch, neu aufgeflackerten Ressentiments mit Humor zu begegnen // Quelle: facebook.de

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Unterschiede selbstverständlich vorhanden

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Unbestreitbar gibt es Unterschiede zwischen „West“ und „Ost“. Die härteste Differenz ist sicherlich der Lohnunterschied, von der Wirtschaft immer wieder begründet mit „niedrigerer Produktivität“. Wobei ich bis heute nicht verstehe, weshalb ein VW-Mitarbeiter in Dresden weniger produktiv sein soll, als einer in Emden – aber da lasse ich mich gerne noch belehren.

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Desweiteren nenne ich nur mal einen „weichen“ Unterschied, der mir selber in den letzten Jahren immer wieder aufgefallen ist: Menschen, die im Osten den Zusammenbruch eines Systemes erlebt haben, von dem sie immer gelernt hatten, dass es das bessere und überlegenere sei, sind heute bei den derzeitigen Zusammenbrüchen für Veränderungen viel offener und meiner Ansicht nach einen ganzen Schritt weiter, als Menschen, die in der alten BRD sozialisiert wurden und denen 50 Jahre lang eingehämmert wurde, dass sie im „moralisch überlegenen System“ leben würden.

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Oder auch: Menschen, die von Kind auf das Prinzip „Wettbewerb“ gelernt haben sind auf das berufliche „Durchboxen“ eventuell besser eingestellt, als andere.

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Aber sind diese Unterschiede wirklich größer, als die Differenzen zwischen Niederbayern und Schwaben? Zwischen Vogtländern und Mecklenburgern? Zwischen Ostfriesen und Holsteinern?

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Die Zeit heilt viele Wunden

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Am meisten gefreut haben mich in den letzten Tagen Kommentare von jungen Menschen, die nach der „Wende“ geboren wurden und die vieles, was da von „Wessis“ über „Ossis“ und umgekehrt geschrieben wurde, schlicht und einfach nicht mehr verstehen können. So schreibt zum Beispiel ein „Tim“ auf > spottblog.de/mysterium-silke-stotzka/:

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Nach dem Lesen dieses Artikels ist mir zum ersten mal bewusst geworden, dass ich diese “Mauer im Kopf”, die viele Menschen noch haben, überhaupt nicht habe und nie hatte und sie deswegen auch nie wahrgenommen habe.

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Es ist für mich persönlich eine Selbstverständlichkeit, dass es keine Unterschiede zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen gibt und das ist mir bisher nie aufgefallen, weil es eben immer eine Selbstverständlichkeit war. Und ich glaube ich habe noch nie in irgendeiner Form darüber nachgedacht, ob Ostdeutsche in irgendeiner Form von ihrer Art oder sonst wie anders sind, als Westdeutsche.
. Und ich denke mal, dass das an meinem Alter liegt, denn ich bin ja gerade einmal 19 Jahre alt. Ja, es ist unglücklicherweise Fakt, dass es immer noch – vor allem was den Lohn angeht – diverse Unterschiede zwischen Ost und West gibt.
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Aber abgesehen davon freue ich mich ein bisschen über die Vorstellung, dass diese geistige Trennung so langsam verschwindet und verbinde damit auch die Hoffnung, dass es nicht nur mir sondern auch dem Rest meiner Generation so geht.“

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Alles Gute und nur die allerbesten Wünsche für Jeden und Jede, der/die gerade gegen diese furchtbare Hochwasserkatastrophe kämpfen muß – egal ob in Deggendorf oder in Magdeburg!

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2 Gedanken zu “„Wessi“ versus „Ossi“: alltäglicher Rassismus?

  1. Sehe ich genauso! Man soll sich nicht durch irgendeine dahergelaufene Frau Stotzka oder sonstwen aufhetzen lassen.

  2. ich muß ihnen mal ein großes kompliment aussprechen. ich mit meiner familie verfolge ihre seite jetzt schon seit ein paar tagen und uns gefallen sehr ihre klaren formulierungen und wie sie sachlich die fakten aufzeigen. wenn ich es zwischendurch schaffe schaue ich immer wieder auf ihre internetseite.

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