10/2011 – Euro-„Rettung“: Volksverdummung mit Gänsehaut-Feeling


Selten wurde soviel Unsinn geschrieben, wie nach dem Euro-Gipfel vom letzten Donnerstag: „Die Banken müssen bluten“, „Griechenland wird 50% seiner Schulden erlassen“, deshalb sollten die „Pleite-Griechen“ gefälligst auch „dankbar“ sein… Hier mal ein paar Konkretisierungen und Richtigstellungen:

1.)    „Die Banken müssen bluten“

Nein, das ist Quatsch. Man hat auf dem Euro-Gipfel vielmehr beschlossen, dass man Banken und Versicherungen dazu einladen wird, mit ihnen bis Ende des ersten Quartals 2012 zu verhandeln, ob sie ihre alten Griechenland-Anleihen nicht auf freiwilliger Basis gegen neue „EFSF“ – Anleihen eintauschen möchten (EFSF = „europäische Finanzstabilisierungsfazilität“ = umgangssprachlich „Rettungsschirm“).

Bei dieser Umtauschaktion sollten die Banken ihre alten Anleihen zu rund 50% abschreiben. Das heißt, wenn sich bislang eine alte Griechenland-Anleihe zu 100  in der Bilanz einer Bank oder einer Versicherung befunden hat, sollte sich dann nach dem Tausch eine neue EFSF-Anleihe zu 50 in der Bilanz befinden.

Wie gesagt: das alles muß erst noch mit dem internationalen Bankenverband IIF verhandelt werden. Und alles soll sowieso wenn, dann nur auf freiwilliger Basis geschehen. Denn, würde sich Griechenland hinstellen und schlicht und ergreifend wie bei jedem anderen Staatsbankrott auch sagen „So, Jungs, Geld ist alle, jetzt gibt´s für jeden für Euch nur noch 50% des geliehenen Geldes zurück!“ (also: GR-Anleihen würden zu 50% ausfallen), dann würde dies einen „Default“ (Ausfall) bedeuten, was wiederum bedeuten würde, dass die Kreditausfallversicherungen (CDS), die auf die Anleihen abgeschlossen worden sind, einspringen und zahlen müssten.

Wir erinnern uns: Die sogenannten „CDS-Märkte“ gehören zu dem ganzen Finanzmüll („Finanzinnovationen“), der in den letzten 15 Jahren nahezu völlig unreguliert geschaffen wurde. Niemand kann genau sagen, wer die CDS ausgegeben hat, in welcher Höhe, zu welchen Bedingungen, und wem die CDS heute gehören.

Man befürchtet nur, dass sehr viele US-Banken zu den Herausgebern der CDS für Griechenlandanleihen gehören. Und da nordamerikanische, wie insgesamt fast alle Banken der westlichen Hemisphäre in der Regel über ein verschwindend geringes Eigenkapital verfügen, liegt die wohl berechtigte Angst in der Luft, dass  bereits bei solch einem Mini-Ausfall, wie dem von ein paar Griechenland-Anleihen, die entsprechenden CDS-Herausgeber ihre Versicherungsleistung nicht mehr aus eigener Kraft zahlen könnten.

Dies würde wiederum zwei Dinge bedeuten:

  • Die CDS-Märkte würden schlagartig zusammenbrechen. Und da die ganze internationale Spekulation gegen irgendwelche Euro-Staaten ja heutzutage keinesfalls über die großen, liquiden Anleihenmärkte läuft, sondern über die daran hängenden, kleinen, unregulierten CDS-Märkte, wäre erstmal Schluß mit der Spekulation gegen Euro-Staaten. Und das wollen wir doch nicht, oder?
  • Derivate-Buden, wie eine Deutsche Bank, eine Credit Suisse, oder Ähnliche, müssten ihre ganzen schönen CDS noch stärker, als bisher abschreiben (= auch offiziell erkennen und zugeben, dass diese Derivate wertloser Papiermüll sind) und wären damit nicht nur klinisch tot, wie sie es heute bereits sind, sondern würden auch noch umfallen. Denn, die Bilanzsumme der Deutschen Bank ist rund 50 mal so hoch, wie ihr Eigenkapital und die Bilanzsumme der UBS ist rund viermal so groß, wie das gesamte Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Schweiz. Da ist für größere Abschreibungen natürlich keinerlei Luft vorhanden und somit kann da so ein bißchen fummeln in der Bilanz mal ganz schnell ganz fiese Folgen haben. Und das wollen wir doch nicht, oder?

Also, deswegen soll der Anleihentausch völlig freiwillig erfolgen und somit müssen die Kreditausfallversicherungen (CDS) nicht einspringen und man kann noch eine Weile so tun, als wenn ein de facto bankrottes Banken- und Finanzsystem noch für irgend etwas „garantieren“ könne.

Sie erinnern sich, wie vehement Josef Ackermann z.B. bei Maybritt Illner in der Talk Show für eine „Freiwilligkeit“ geworben hat? – Jetzt verstehen Sie, warum…

Übrigens: Ein Eintausch der Griechenlandpapiere der Banken gegen die neuen EFSF-Papierchen, wäre womöglich noch nicht mal ein schlechtes Geschäft (für die Banken)!  Denn im Gespräch sind  EFSF-Papiere mit einer Verzinsung von bis zu 6,42% bei einer Laufzeit von 30 Jahren und einem erstklassigen AAA-Rating als mögliche Tauschobjekte. Selbst eine altehrwürdige zehnjährige Griechenlandanleihe hat nur eine Verzinsung von 4 bis 5 % und wird momentan zu nur noch rund 30 gehandelt. Sollten die Banken ihre ollen Griechenlandanleihen gegen EFSF-Anleihen mit einem Nennwert von 50 und einer weitaus höheren Verzinsung eintauschen können, so wäre dies ein Geschäft, bei dem sie keinen Verlust, sondern per Stand heute einen dicken Gewinn erzielen würden!

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Noch zur Vervollständigung: Weil Politiker ja durchaus lernfähig sind, hat man von der Finanzindustrie gelernt, dass man schon mit ganz kleinem Eigenkapital ganz große Dinge machen kann! Und so möchte man jetzt beim „EFSF“ etwas machen, was im Finanzbereich gang und gebe ist: man möchte „hebeln“.

Man denkt sich „Wenn ich mit der finanziellen Kraft des EFSF ganz viele tolle neue Anleihen rausbringen kann, für die dann der EFSF garantiert. – Wieso muß der denn die absolute Vollkaskoversicherung geben und die neuen Anleihen zu 100% garantieren? Machen wir doch lieber die Teilkasko-Variante und lassen wir den EFSF die neuen Anleihen einfach nur zu 25% garantieren, so können wir viermal soviele Anleihen ausgeben…!“ Clever, gell!? – Das ist das ganze Geheimnis um den vielzitierten „Hebel“.

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2. „Griechenland erhält einen 50%-igen Schuldenschnitt“

Nein. Nur die Hälfte der Schulden, die Griechenland bei privaten Banken und Versicherungen hat, könnten eventuell nach den „freiwilligen“ Verhandlungen wegfallen (im Folgenden in ROT markiert).

Nachdem die griechischen Banken so stehend K.O. sind, dass sie einem Schuldenschnitt praktisch gar nicht mehr freiwillig zustimmen können, geht es somit nur noch um die 120 Mrd. EUR, die vermutlich bei nicht-griechischen Banken liegen. Die Hälfte von 120 ist 60, somit könnte es nach den „freiwilligen Verhandlungen“ maximal sein, dass Griechenland 60 Mrd. EUR seiner Schulden los wird und das sind keinesfalls 50% der gesamten Schuldenlast, sondern das sind rund 17%.

Und diese Summe ist wiederum so klein, dass sie wahrscheinlich dem Land keinerlei wirkliche Entlastung bringt.

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3. „Der Spekulation wird Einhalt geboten“

Nö. Wie Sie ja vorhin gelesen hatten, muß um jeden Preis verhindert werden, dass ein formaler Staatsbankrott entsteht, damit ja nicht die Kreditausfallversicherungen (CDS) zahlen müssen, und somit die Herausgeber der CDS, Derivate-Buden, wie eine Deutsche Bank eine UBS oder eine US-Bank endgültig zusammenbrechen (denn das wäre das Ende dieser Institute und damit – so wird befürchtet – das Ende unseres gesamten ungedeckten, gehebelten Finanzsystemes weltweit. Das Finanzsystem fände sein eigenes Ende nicht so richtig toll und deswegen wird uns ja auch immer an die Wand gemalt, dass ein Ende unseres Finanzsystemes gleichzeitig das Ende der Welt wäre, was natürlich völliger Quatsch ist, aber viele von uns glauben den Unsinn und haben sich von der Panikmache bereits gerne anstecken lassen.).

Wenn jetzt also die ganzen „Finanzmarktakteure“ (= Spekulanten) davon ausgehen, dass die europäischen Regierungen komplett darauf geeicht sind, dieses Finanzsystem auf Teufel komm raus zu erhalten (und das sind sie, dafür sorgt alleine schon der große Bruder USA, der finanziell noch viel schlechter dasteht und der noch viel stärker durch eine „Finanzaristokratie“ korrumpiert ist, als Europa), dann können sie damit rechnen, dass all die Banken, die nicht am „freiwilligen“ Anleihentauschprogramm teilnehmen, letztendlich ihre Anleihen zu 100 ausgezahlt bekommen (denn alles andere wäre ja ein „Default“, die CDS müßten einspringen etc….).

Das heißt: man kann fröhlich über die kleinen, unregulierten CDS-Märkte weiter auf den (objektiv völlig unbegründeten) Bankrott einzelner europäischer Staaten spekulieren.

Ach ja, und dann wurde da noch beschloßen, dass europäische Banken ihre „Kernkapitalquote“ auf 9% anheben sollen und, falls sie das nicht können, erhalten sie… richtig: staatliche Hilfe. Und fertig ist der Bankenrettungsgipfel, der uns vom verlängerten Arm der Finanzindustrie, der BILD-Zeitung natürlich mal wieder als „Griechen-Rettungsgipfel“ verkauft wird.

  • Quelle: www.BILD.de, 29.10.2011
  • Na, wann kommt wohl das „Danke“ von Josef Ackermann und von Ex-Bundesbanker Axel Weber, der inzwischen bei der UBS arbeitet?

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Sie sehen also: Es ist absolut verständlich, dass nach den Gipfel-Beschlüssen die Aktien der großen, europäischen Banken nach oben gesprungen sind und gleichzeitig die Kreditausfallversicherungen (CDS) von Italien und Spanien so teuer wurden, wie bisher noch nie. – Was dazu führt, dass Italien und Spanien seit Freitag deutlich höhere Zinsen zahlen müssen, wenn sie sich am „Kapitalmarkt“ (also: bei den Banken und den Versicherungen) Geld leihen wollen.

  • Börsenkurs der Deutsche Bank AG der letzten 10 Handelstage
  • Quelle: www.comdirect.de

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Aber, was hätte man denn alternativ tun können?

Nun, als eine sofortige Akutmaßnahme hätte man spätestens Ende 2008 und allerspätestens jetzt sämtliche CDS verbieten müssen. Klingt nett, aber das wollten die meißten Europäer nie und die Deutschen schon gleich gar nicht.

Oder, wie ist es sonst zu erklären, dass ein Oskar Lafontaine, als er bereits 1998 als Bundesfinanzminister nach London flog, um über die Regulierung der Finanzmärkte zu sprechen,  von sämtlichen britischen und deutschen Leitmedien als der „gefährlichste Mann Europas“ dargestellt wurde und, dass stattdessen ein Peer Steinbrück, der als Mitglied im Verwaltungsrat der West-LB und als Bundesfinanzminister zusammen mit seinem Staatssekretär Asmussen sich aktiv für die „Deregulierung der Finanzmärkte“ einsetzte, heute fröhliche Urständ feiert und sich über sensationelle Umfragewerte freuen kann?

Wir bekommen, was wir gewählt haben. Nicht mehr. Und nicht weniger.

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  • Britisches Qualitätsblatt (vergleichbar mit der BILD) am 25.11.1998
  • Tony Blair war gerade dabei, die „City of London“ via Deregulierungen und Steuersenkungen weiter aufzublähen
  • Kurze Zeit später war „der gefährlichste Mann Europas“ weggemobbt und es kam das „Schröder-Blair-Papier“….

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Übrigens, hier noch zwei Fakten, die Ihnen zeigen, dass wir solche Veranstaltungen, wie den „Euro-Rettungs-Gipfel“ in Zukunft weltweit häufiger sehen werden: Die griechische Gesamt-Verschuldung von 350 Milliarden Euro ist das, was die USA alle 3 Monate an neuen Schulden machen. Das gesamte, weltweite Volumen an sogenannten „Derivaten“ (also ähnlichen Qualitäts-Papierchen, wie den CDS), ist in den letzten 20 Jahren auf 600 Billionen USD gestiegen. – Bei einem weltweiten Bruttosozialprodukt von 60 Billionen USD…

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Fazit:

  • Der Euro-Gipfel war höchst erfolgreich – für manche europäischen und US-amerikanischen Banken und Versicherer.
  • Um Griechenland geht es bei der Thematik überhaupt nicht, sondern nur um die Frage, wie klinisch tote Derivate-Buden noch etwas länger künstlich beatmet werden können.
  • Dies soll geschehen, um ein Finanzsystem, das in seiner ganzen Unreguliertheit, in seiner weitgehenden Ungedecktheit und in seiner kompletten Überdimensionalität schlicht und ergreifend nicht überlebensfähig ist, noch ein paar Monate (oder Jahre?) am endgültigen Zusammenbruch zu hindern.
  • Und dieses vollkommen unseriöse Finanzsystem ist wiederum nur ein Symptom, eine Folge aus unserem Geldsystem.

Denn die tiefe Wurzel unserer derzeitigen Krisen liegt in einem ungedeckten, vollkommen unseriösen Geldsystem, das wir zu allem Übel auch noch mit Zins und Zinseszins gekoppelt haben. Und über dieses Geldsystem wurde meines Wissens keine Silbe auf dem Euro-Gipfel gesprochen.

Wie dieses Geldsystem funktioniert? Mehr dazu in meinen Vorträgen oder auch in Kürze in diesem Blog. Einen ersten, sehr guten Eindruck über unser Geldsystem können sie sich in folgendem Film machen (-> Hier KLICKEN)

4 Gedanken zu “10/2011 – Euro-„Rettung“: Volksverdummung mit Gänsehaut-Feeling

  1. Treffend beschrieben.Klartext, auch für den Laien gut verständlich.

    Bin selber aus der Branche und weiß wie schwer es ist komplizierte Sachverhalte verständlich darzustellen.

    Volltreffer! Weiter so!

  2. Lieber Herr Meyer, Sie beschreiben genau worum es bei den ganzen €-Rettungsaktionen geht: Das hier ist keine Griechen-Krise, sonden es ist die zu erwartende und immer stärker anschwellende Krise unseres Geldsystems.

    Gruß
    Anja F.

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