Vereinigte Staaten der Verelendung


In der vergangenen Woche hat die amerikanische Statistikbehörde „U.S. Census Bureau“ ihren jährlichen Bericht zum Stand der Einkommen, der Armut und den der Krankenversicherten für das Jahr 2010 vorgestellt.

Die Zahlen in diesem  Bericht sind explosiv. Sie sind der Ausweis eines völlig degenerierten Systems, das aus sich heraus immer mehr Armut schafft.

Es ist mal wieder typisch, daß in unseren inländischen Medien diese Zahlen praktisch nicht zur Kenntnis genommen wurden. Wir diskutieren hier das laue Lüftchen „Griechenland“, während sich über den großen Teich ein entsetzlicher „Hurrikan“ zusammenbraut.

Hier die offiziellen Zahlen der US-Statistikbehörde für das Jahr 2010:

  • Die offizielle Armutsquote stieg im Jahr 2010 auf rund 15%, nach 14,3% in 2009 und nach 13,2% in 2008 und markierte in Prozent 2010 den höchsten Stand seit 1993.
  • Mehr als 46 Millionen US-Bürger lebten 2010 in den USA unter der Armutsgrenze. Das ist die höchste Zahl seit Beginn der Datenerhebung vor 52 Jahren!
  • Darunter bilden fast 16 Millionen Kinder den größten Anteil unter den Armen.
  • Entsetzliche 11 Millionen Amerikaner lebten unter der Armutsgrenze, obwohl sie einer Arbeit nachgingen.

Bevor jetzt irgendein Leser auf die Idee kommt, a la Sarrazin einfach mal schnell ein Anheben der Armutsgrenze zu fordern, hier Zahlen, wie die offiziellen Stellen in den USA „Armut“ in ihrer Bevölkerung definieren:

Die Armutsgrenze lag im Jahr 2010 für eine vierköpfige Familie bei einem Bruttojahreseinkommen von 22.314 Dollar und für einen Single bei 11.139 Dollar (das sind 681 Euro brutto im Monat)!

Erweitert man den Begriff Armut auf etwas „humanere“ 125% der offiziellen Armutsgrenze, dann waren sogar rund 60 Millionen US-Bürger bzw. knapp 20% der Bevölkerung als arm zu klassifizieren!

  • Rund 44 Millionen US-Bürger waren im Dezember 2010 auf Lebensmittelmarken angewiesen!
  • 50 Millionen US-Bürger (rund 16% der Bevölkerung) hatten 2010 keine Krankenversicherung!
  • Das durchschnittliche Jahreseinkommen der privaten Haushalte ist auf dem tiefsten Stand seit 1995!
  • Alleine seit 2007 sind die durchschnittlichen Jahreseinkommen der privaten Haushalte um fast 7% gefallen!

Geradezu skandalös ist und bleibt die Einkommensverteilung in den USA: die unteren Einkommensgruppen partizipieren seit Jahrzehnten nicht am Produktivitätsfortschritt.

  • Die untersten 20% der privaten US-Haushalte erzielten 2010 ein durchschnittliches reales Jahreseinkommen von nur 11 034 Dollar, nach 11 743 Dollar im Jahr 2009!
  • Die realen Einkommen der untersten 20% fielen 2010 auf den tiefsten Stand seit 1993!
  • Seit 1967 sind sie inflationsbereinigt nur um erbärmliche 1.902 Dollar gestiegen. Damit sind Jahrzehnte an extrem hohen Produktivitätssteigerungen am unteren Ende der Einkommensskala spurlos vorbeigegangen!

Die obersten 5% der US-Haushalte hingegen generierten im Jahr 2010 ein reales durchschnittliches Einkommen von 286 686 Dollar, nach 300 264 Dollar 2009. Seit 1967 stiegen die Einkommen der obersten 5% um preisbereinigte 127 244 Dollar!

  • Die obersten 20% der Haushalte generierten 2010 laut US-Statistikbehörde rund 50% aller Einkommen. Die Top 5% sogar 21% der Einkommen.
  • Die untersten 40% der privaten Haushalte erzielten dagegen nur einen rund 12%-igen Anteil am gesamten Einkommen.
  • Dramatisch die Situation der untersten 20%, mit einem Anteil von nur 3,3% vom Einkommenskuchen!

Cost Cutting, Outsourcing, Downsizing und Offshoring der global agierenden US-Unternehmen haben in der Vergangenheit die Gewinne der Konzerne gesteigert, aber das Land nachhaltig deindustrialisiert und ruiniert! Einkommen wurden verhängnisvoller Weise durch Kredite ersetzt und die ungleiche Einkommens- und Vermögensverteilung ist der größte Hemmschuh für eine positive wirtschaftliche Entwicklung. Diese Daten des U.S. Census Bureau sind der Beleg für ein degeneriertes Wirtschaftssystem, welches immer mehr Verlierer und Abgehängte, statt Wohlstand für Alle produziert.

Während bei uns Dummschwätzer aller Couleur in zahllosen Talk-Shows Europa sturmreif reden, braut sich in den USA eine Gemengelage zusammen, die einem das Blut in den Adern gefrieren läßt.

Wie lange läßt sich die amerikanische Bevölkerung die drastisch zunehmende Verarmung noch gefallen? Wie lange sieht der amerikanische Mittelstand untätig dabei zu, wie mutwillig betrogen und dezimiert wird? Wann kommt der Tag, an dem der ein oder andere US-Bundesstaat es nicht mehr einsieht, für bankrotte Nachbarbundesstaaten mit zu zahlen? Warum hat schon fast jeder vergessen, daß die „Einigkeit“ der „vereinigten Staaten“ längst kein Naturgesetz ist, sondern jederzeit wieder zur Disposition stehen kann?

Denken Sie mal darüber nach…

4 Gedanken zu “Vereinigte Staaten der Verelendung

  1. Die gallopierende Verarmung ist zumindest teilweise auf die Niedrigzinspolitik und die Dollarabwertung zurückzuführen. Diese erleichtern die Refinanzierung der überschuldeten Banken und fördern die Exportindustrie. Die Importe insb. von Energie, Lebensmitteln und Rohstoffen verteuern sich allerdings und das trifft die einkommensschwachen Schichten viel härter als die Wohlhabenden.

    Früher konnte die FED in einer Rezession die Zinsen senken und sich darauf verlassen, dass die Rohstoffpreise wegen der geringen Nachfrage dennoch sanken. In einer globalisierten Welt mit vielen Nachfragern und struktureller Knappheit bei einigen Rohstoffen geht das nicht mehr. Dass es dennoch versucht wird, zeigt entweder dass das System nicht lernfähig ist, oder dass es egal ist was mit der breiten Bevölkerung passiert.

    Es macht für die USA sehr viel Sinn die Exportindustrie zu fördern und meinetwegen auch die Finanzindustrie nicht in’s Bodenlose fallen zu lassen. Das Problem ist nur, dass das mit zentralistischen Methoden wir Geldpolitik – wenn überhaupt – nur kurzfristig funktioniert.

    Die USA müssten ihr Bildungssystem neu aufbauen, ihre Energieeffizienz erhöhen, die Finanzindustrie regulieren, Verschuldung abbauchen, die Lobbygruppen zurückdrängen u.s.w. Das bräuchte Jahre mühsamster Detailarbeit und einen gesellschaftlichen Konsens, der nicht vorhanden ist. Vor allem bräuchte es Eliten, die sich der Realität stellen, ein Konzept entwickeln und das durchziehen – auf gut Deutsch: Verantwortung übernehmen. Davon sind die USA (wie wir in Europa) meilenweit entfernt.

    Es ist schon erstaunlich wie lange ein System sich auch noch so massivem Anpassungsdruck entziehen kann und immer wieder die alten Methoden probiert werden. Selbst beim Crash findet dann erstmal ein Rückfall in altbewährte Muster statt.

    Die USA erinnern mich ein wenig an die UdSSR. Das System kollabierte, Gorbatschow kam, verkündete Glasnost und am Ende hat sich dann Nationalismus und Autoritarismus durchgesetzt. Mal gucken wo wir in 10 Jahren stehen.

    • Hallo Kistrof,

      vielen Dank für Ihren Kommentar, dem ich nur voll und ganz zustimmen kann.

      Vor allem teile ich mit Ihnen das Gefühl (ich finde, das haben sie wunderbar plastisch beschrieben), dass man sich manchmal vorkommt, wie in der Endphase de Sowjetunion:

      – eine kleine Schicht, die sich ohne Hemmungen bereichert, während eine große Mehrheit langsam aber kontsnt abrutscht.

      – frisierte Statistiken (z.B. US-BIP, US-Inflation, deutsche Arbeitslosenstatistik etc.)

      – eine auf seltsame Art und Weise immer gleichförmiger werdende Mainstream-Presse

      – ganz viele Leute, die im persönlichen Gespräch artikulieren, dass man eigentlich genau spürt, wo und wie es hakt…. die aber trotzdem (noch) zu träge sind oder sich schlicht nicht trauen, Protest zu formulieren.

      Sie schreiben „Es ist schon erstaunlich wie lange ein System sich auch noch so massivem Anpassungsdruck entziehen kann und immer wieder die alten Methoden probiert werden.“…

      …JA, und das ist meines Erachtens nicht nur ein Phänomen in den USA, sondern gerade auch ganz konkret bei uns.

      Beispiel:
      Wir reden z.B. ständig über steigende Staatsschulden in der BRD. Aber: Hätten wir heute noch die Steuersätze und Steuerarten, wie sie in den 90 er Jahren unter Helmut Kohl galten, so würde der Bund seit Jahren (!) Überschüsse erwirtschaften und seit Jahren (!) Schulden zurückzahlen können.

      Aber noch nicht mal zu solch relativ marginalen Änderungen können wir uns noch durchringen…

      Wenn wir es in diesem System nicht schaffen, es massiv anzupassen, wird dieses ganze System fallen.

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